Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1884, Bd. 3, H. 1/12)

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sonst üblichen monotonen, traurig düsteren Fracks die von Prof. Jäger 
eingeführte Normaltracht angelegt. Aber da man, wie Sanitätsrath 
Niemeyer sehr richtig fordert, nicht s<hablonisirt sondern individualisirt 
hatte, so erschien, in Bezug auf Roc> sowohl wie auf Halsschmuc> ein 
Jeder in der ihm zusagenden Form und Farbe, was ein buntes, an 
Abwechselung reiches Bild gewährte. So zeigte schon die äußere Miene 
der Gesellshaft an, daß die Theilnehmer eben nicht einem Zwange 
folgten, sondern Jeder seiner persönlichen Neigung und Geschmacs- 
richtung. Dieser Umstand mußte nothgedrungen auf die Stimmung 
zurückwirken und diese war denn auch, wie schon bemerkt, eine recht 
animirte und überaus freudige. Bei der Tafel, an deren oberem Ende 
die Cravatten von neun mit dem Jäger'schen Normal - Galakostüm 
(auch hier mit Abwechselung) bekleideten Herren in roth und Gold 
auf dunkelblauem Grunde erglänzten, war man schon nach dem ersten 
Gange „warm“ worden und stimmte in das auf Prof. Jäger aus- 
gebrachte Hoh b roistert ein. Es folgten noch mehrere Tischreden, die 
mit Hochrufen scylossen und der Gesang zweier zu diesem Zweck ver- 
faßter launiger Lieder, von denen namentlich das zweite eine besonders 
erheiternde Wirkung auf die Anwesenden ausübte (s. unter „Jocus“). 
Nach aufgehobener Tafel begann um 12 Uhr die Polonaise, bei 
der nun auh die „Normalbeine“ der gala-kostümirten „wollenen“ Herren 
sichtbar wurden. Die eng anliegenden weißen Tricot- Beinkleider und 
dito Schnallenschuhe kleideten ihre Träger vortrefflich und erregten 
in denselben eine Tanzlust, die, als endlich der Walzer begann, in 
beflügelten Wirbeln ihren Ausdru> fand. Wacker wurde nun der 
Tanzmuse gehuldigt. Auch auf die übrige Gesellschaft schien von den 
weißen Ritterbeinen ein belebender Glanz zu strahlen und erhöhte 
Tanzfreudigkeit wachzurufen. So vergingen die Stunden und als 
nun gegen 4 Uhr der Schluß gemacht wurde, da schied wohl Niemand 
von diesem s? schönen, biSher einzig in seiner Art dastehenden Feste 
ohne inniges Dankgefühl für den, der, obwohl persönlich fern und 
hier nur - durc<h ein wohlgelungenes Bildniß in ganzer Figur vertreten, 
do< die Seele des Ganzen war, für Herrn Prof. Dr. Jäger in Stuttgart. 
Ein weiterer Bericht des „Frankfurter Journals“ vom 10. März 
(von einem Nichtwollenen) lautet : 
Ueber ein „Fest der Wollenen“ wird aus Berlin berichtet: 
Professor Jäger in Stuttgart ist bekanntlich Apostel einer Bekleidungs- 
reform, indem er für eine durchweg nur aus reiner Wolle bestehende 
Kleidung eintritt. Ein Theil seiner Anhänger feierte am lezten Dienstag 
in Berlin den lebhaften Fortschritt dieser reformatorischen Bewegung 
dur< einen Abendtisc<h mit Tanzkränzhen. Man erfuhr bei dieser 
Gelegenheit, daß die Anhänger der neuen „Normalkleidung“ in Nord- 
deutschland nach Tausenden zählen, daß allein in Berlin über tausend 
Freunde der Sache gezählt werden dürfen, unter diesen Minister und 
berühmte Feldherren. Die Anhänger Jäger's bestreben sich aber nicht
	        

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