Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1888, Bd. 7, H. 1/12)

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der Haut zugeführt werden. Leßteres darf man mit Recht das gefähr- 
lichste nennen, weil es ja stet8 unwissentlich und ahnungslos geschieht. 
Der Schweiß ist ein ganz gefährlicher Uebertrager des Gistes, indem er 
dieses lockert und ihm durch die offenstehenden Poren Zutritt zu den tiefer- 
liegenden Hautschichten gewährt. Man sehe sich doch einmal um, wie 
viele Männer, Knaben und Jünglinge heut herumlaufen mit unansehnlich 
flefiger Stirn, mit Fle>en, welche oft zu recht schmerzhaften entzündlichen 
Beulen ausarten. Das danken wir den Farben des Hut- resp. Müßen- 
futters. So etwas kannte man früher nicht, Vor Einführung der Ani- 
linfarben galten sogar manche Farben -- 3. B. rot und blau -- als ge- 
jundheitfördernd, und sie waren es auch. Man trug fast ausschließlich 
blaue oder rote Strümpfe; die Aerzte empfahlen sogar den halsleidenden 
Patienten, stetig ein scharlachrotes wollenes Band um den Hals auf der 
naten Haut zu tragen, und zu Leibbinden, welche ebenfalls auf der naten 
Haut getragen werden sollen, wurde mit Vorliebe roter Flanell verwendet. 
Noch in den sechziger Jahren waren scharlachrote Flanellhemden mit hellen 
Bucskin-Chemisettes und Manschetten äußerst beliebt; denn lange bevor 
Professor Jäger seine Theorie aufstellte und sein Wollregime anpries, 
gab es hunderttausende Verehrer wollener Leibwäsche, zu denen auch ich- 
mich. zählte. 
Da ereignete es. sich zu Anfang der siebziger Jahre, daß ich, nach- 
dem ich mir kurz zuvor wieder einmal ein neues rotes Hemd zugelegt 
hatte, von der „Gürtelrose“ befallen wurde; wenigstens wurde die Haut- 
entzündung vom Arzte dafür erkannt, welcher mir auch mitteilte, daß. er 
jeßt. mehrere Patienten an. dieser sonst seltenen Krankheit behandele. 
Wunderbarer Weise wollte die Krankheit troß der Bemühungen des Arztes 
nicht eher weichen, als. bis ih das Hemd wechselte. - Da ich: meine wol- 
lene Leibwäsche stets in meiner Färberei, also unter meiner Aufsicht waschen 
lasse, so mußte es mir sofort auffallen, daß dieses, neue Hemd nicht wie 
die früheren. blauxot in der Wäsche wurde. Früher mußte ich die roten 
Hemden nach ver Wäsche dux< eine schmache Oxalsäurelösung ziehen, um 
sie wieder scharlachrot zu. machen; diesmal veränderte sich das Not gar- 
nicht in ver Wäsche; wohl aber: ließ es so viel überschüssigen Farbstoff 
fahren, daß auch der Bucskineinsaß kräftig rot wurde. Hiemit hatte ich 
den- Beweis, daß dex Hemdenflanell mit Anilin gefärvt war, Weitere 
Nachforschungen. ergaben), daß meine Leiden8gefährten Hemden aus der- 
selben Handlung und von derselben Sendung- getragen. Yyatten, als sie an 
der Pfeudo-Gürtelrose. erkrankten. Seit jener Zeit sind hierorts die schar- 
lahroten Hemden verpönt, und ich glaube. nicht, daß überhaupt noch der- 
leihen. getrag“1. werden, denn. Not. ist längst. m<ht mehr gesundheit- 
EE -- So viel ich nun. weiß, war Anilinscharlach und Ponceau 
auch. damals schon arsenfrei, und dennoch war, es offenbar von schädlichem 
Einfluß auf den menschlichen. Körper gewesen. Nicht“ der ganze Körper 
war. entzündet. oder infiziert. worden , sondern. nur. die Gürtelgegend, wo 
ver fest anschließende Hosenbund eine stärkere Neibung und dadurch auch 
eine stärkere Tran3piration verursacht; der Schweiß hatte einen Teil der 
überschüssig anhaftenden Farbstoffpartikelchen gelöst und durch die offenen. 
Poren dem Zellengewebe zugeführt; Diese meine Auffassung hat in aller- 
jüngster Zeit durch einen Unfall in meiner Familie. eine neue Bestärkung 
erhalten. Um die Weihnachtzeit haite sich meine jüngste Tochter infolge
	        

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