Volltext: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1888, Bd. 7, H. 1/12)

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Wo lernen wir heute die Naturwissenshaften? Auf der Scul- 
bank und zur Not noc< im Laboratorium. Was ist das? Antwort: 
Scholastik. Im Mittelalter haben die Scolastiker „Aristoteles“ 
doziert, heute dozieren sie „Virc<ow“ oder „Darwin“ , das ist ganz 
dieselve Geschichte, das ist Buch und nicht Natur. Nun fragen wir, 
was mußt? man im Mittelalter von dem Leben und was weiß man 
heut» davor" 
Seute wissen wir die lateinischen und griehis<en Namen einer 
H» von e'nzelnen Tier- und : lanzenarten und haben diese be- 
: 7, zer>!1edert und in sauber? Systeme gebracht. Jm Mittelalter 
zan; man vavon lange nicht s? viel, allein was man kannte, das 
fann inan ründl! ) und namentlit? praktis“4 F92 kannte und ge- 
hraus e man ganz genau die He iräften) - faller bekannten 
Pflanz, sondern auch die der tierischen und men? »ichen Stoffe, während 
unsere modernen Scolastiker diese Heilkräfte, die doch für unser 
Leben das Wichtigste an- Tieren und Pflanzen (soweit sie nicht zur 
Nahrung dienen) find, nicht bloß nicht kennen, sondern dieses ganze 
Wissen als Aberglauben belächeln, weshalb wir Wenschen gar keine 
Arznei mehr hätten, wenn nicht der schlicht» Laien»“*stand und die als 
Kur» ,uscher verhöhnten Homöopathen und Laienär ... den Arzneischat 
vor « 11 Unte"gang bewahrt hätten. Jm Mittelali c kannte man aller- 
vin 4: Lorb des Menschen nicht sv genau ws heute, allein man 
far tie monschlihe Seele und kannte namentlich den menschlichen 
Ge mit aulen seinen wunderbaren Äeußerungen, also auch den 
Hypnotismus, HeilmagnetisSmus, MediumiSsmus, Spiritismus, kurz das 
ganze Gebiet dor Mystik und Magie, während die heutige Anthropologie 
nur das Wissen von der Leiche oder gar nur das von Knochen und 
Hafenscherben ist und für sie die Seele eine skurrile Sache, der Geist 
ein Mumpiz und das ganze Gebiet der Mystik Schwindel-ist. 
Wer steht da höher? Das Mittelaltcx oder die Neuzeit? Theo- 
phrastus Paracelsus und Albertus Magnus oder Virchow? 
Doch zurü&: Natur und Natur vissensc<haften verhalten 
sic) 34 einander wie Leben und Tod. > as Tote, das Unorganische, 
das la“t sich allenfalls im Laboratorium studieren, aber das Lebende, 
das Leben nie und nimmermehr, das kann man nur in der Natur 
jelb;t studieren, was- im Museum und Laboratorium gelernt werden 
kan, it Balgwissens<aft, das Wissen von der Leiche und dem 
Leib, aber nicht das vom Leben, denn dieses besteht aus Leib, Seele 
und Geist. 
Die Sache sitt übrigens noh tiefer. Es handelt sich nicht bloß 
um den Gegensaß von Natur und jener Kesselpauke im Hörsaal und 
Laboratorium, die man „Naturwissenschaft“ nennt, sondern überhaupt 
zum den Gegensaß von Schule. und Natur. Je mehr Schulmeisterei 
getrieben wird, um so weniger möglich ist es. dem heranwachsenden 
Menschen, die Fühlung mit der Natur und dem Leben zu behalten. 
i9.
	        

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