Full text: Professor Dr. G. Jägers Monatsblatt : Zeitschrift für Gesundheitspflege u. Lebenslehre (Jg. 1892, Bd. 11, H. 1/12)

für das Auftauchen aller dieser Systeme. Die Hauptursache war doch 
das, daß die bisherige Bekleidungsweise, gesundheitlich beur- 
teilt, höchst mangelhaft und verbesserungsfähig war. Dies wird 
von allen Seiten zugestanden, es sei hier nur an einen unparteiischen 
Zeugen, an Pettenkofer erinnert, der in seinem bekannten Vortrag 
zwar meint, man könne sich „in Leinenstoffen ebenso wohl und gesund kleiden“ 
wie in Wolle, der aber die Art, wie die Leinwand bis jett verarbeitet 
und getragen wurde, für verkehrt und verbesserungsbedürftig hält. 
Also auch er, der ja gewiß erhaben ist über den Vorwurf der Neuerungs- 
sucht, ist mit der bisherigen Kleidung keineswegs zufrieden. 
Ss ist auch kein Wunder, daß die bisherige Kleidung vom gesund- 
heitlichen Gesichtspunkt aus beurteilt wenig taugt. Gerade wer 
diesen Gesichtspunkt zum maßgebenden erheben will, merkt es am 
besten, daß hier no<Z andere Dinge mitspielen, vor allem die Sitte, 
die Mode. Den ersten Anstoß zur Anlegung von Kleidungsstüken gab 
ohne Zweifel das Schamgefühl. Hiezu kam Rücksicht auf Temperatur, 
auf die Unbilden des Wetters. Der einzelne kleidet sich aber nicht 
schlec<htweg auf eigentümliche Weise, sondern im allgemeinen so wie die 
andern es machen. Die Sitte, in diesem Fall die Tracht der andern, 
ist eine Macht, mit welcher der einzelne rechnen muß. Diese Tracht 
wechselt ; je schneller dies geschieht, desto mehr sinkt sie zur Mode herab, 
unter die aber der einzelne ebenso gut sich beugen muß. Auch die Art 
und Weise der Beschäftigung kommt in Betracht bei der Kleidung, die 
ein Volk, ein Stand wählt. 
Man kann die verschiedenen Umstände, welche die Kleidung 
des Menschen beeinflussen, vom Nebensächlichem abgesehen, etwa 
fo“ „dermaßen ordnen: Rücksicht auf andere Mens<en (Sham- 
I Sittsamkeit, Sitte, Tracht, Mode); Rücksicht auf die Sc<äd- 
l1:. „iten, die dem Körper von außen drohen, Temperatur 
und Unbilden des Wetters, Kälte, Wärme, Nässe, Wind, Sonnenschein; 
daneben wurde die RüFsicht auf die Shädlichkeiten, welche 
dem Körper von ihm selbst aus drohen, bei der Wahl der 
Kleidung fast ganz außer acht gelassen. 
Den mächtigsten Einfluß hat die erste Gruppe, die Rücksicht auf 
andere Menschen, bei der Wahl der Kleidung. Dies zeigt sich, sobald 
ein Zwiespalt entsteht zwischen zwei von diesen Rüdsichten. 
Die verschiedenen Rücksichten, welche die Kleidung zu nehmen hat, 
lassen si< nicht immer friedlich vereinigen ; bald muß die eine, bald die 
andere zurücktreten. Z. B. die Rücksicht auf Wärme: an recht warmen 
Sommertagen würde die Kleidung, wenn bloß die Wärmefrage ent- 
scheidend wäre, oft sehr mangelhaft, allein hier spricht dann Sittsamkeit 
und Sitte ein gebieteris<es Wort. So verlangt die Mode etwas 
anderes, als die Gesundheit. Wie die Rücksicht auf die Sitte stärker 
ist als die Rücksicht auf die Wärme, so ist die Rücksicht auf die Mode 
Färfer , als die Rücksicht auf die Gesundheit. Es ist überhaupt noch 
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