Full text: Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg (Bd. 124, 1969)

Georges Cuvier Yı 
Bereich der damals bekannten Tatsachen, die den Ausgangspunkt für 
CuvıEers Schlüsse bildeten, so muß mit allem Nachdruck betont werden, 
daß er sie so ziehen mußte. Er war ein Opfer seiner Konsequenz. Wenn 
sich die Arten geändert hätten, überlegte er, dann müßte man zwischen 
den fossilen und den heutigen Vertretern Mittelformen finden. Von sol- 
chen tatsächlich vorkommenden missing links war noch keines bekannt. 
Daß die Länge der Zeit nichts vermag, beweist nach Cuvıer die Über- 
einstimmung der tierischen Mumien aus Ägypten mit den heute lebenden 
Vertretern derselben Arten. Zu seiner Zeit war ebenfalls noch unbekannt, 
mit welch gewaltigen absoluten Zeiten in der Erdgeschichte gerechnet 
werden muß. Streng innerhalb der Grenzen seiner eigenen Erfahrung 
bleibend, ist CUvIER zum Begründer der Wirbeltierpaläontologie gewor- 
den und hat damit der Naturgeschichte einen neuen Wissenszweig er- 
öffnet. 
Mit der Herausgabe des „Regne animal distribue d’apres son organisa- 
tion“ (1817) schenkte Cuvıer seiner Mitwelt die vollendetste Heerschau 
über das gesamte Tierreich, soweit sie damals in Wort und Bild fest- 
zuhalten war. Mit systematischen Fragen hatte er sich ja bereits intensiv 
während seines Aufenthaltes in der Normandie beschäftigt. Den Keimen 
der Ideen, welche er in souveräner Art im „Regne animal“ entwickelte, 
begegnen wir erstmals in seinem „Tableau elementaire de l’histoire na- 
turelle des animaux“ (1798), einer Frucht seines Kurses an der Ecole 
centrale, den er 1796 eröffnet hatte **, Nach Cuvıer sind für die Systematik 
nicht alle Merkmale gleichwertig. Die dominierenden Organe liefern die 
entscheidenden Kriterien für ein natürliches System, denen sich die übri- 
gen sukzessive unterordnen (Prinzip der Subordination der Organe) ®. 
Die größte Bedeutung für die Klassifikation schreibt er dem Nervensystem 
zu. Auf Grund seines Baues und seiner Lage unterscheidet er vier von- 
einander völlig getrennte Baupläne (grandes divisions) des Tierreichs: 
Animalia vertebrata (Wirbeltiere), Animalia mollusca (Weichtiere), Ani- 
malia articulata (Gliedertiere) und Animalia radiata (Strahltiere) *®. Im 
Lichte der Existenz dieser vier Baupläne kann es deshalb keine „unite de 
composition“ geben, und die Idee der Stufenleiter der Organismen mußte 
als einer der schwersten zoologischen Irrtümer erscheinen *7, Alle anderen 
Organsysteme werden niedriger eingestuft und dienen dazu, Klassen, Ord- 
nungen, Familien usw. zu unterscheiden. Dabei erwies sich das Begriff- 
schema der LıinnEschen Systematik als zu eng, so daß neue Begriffe: die 
Familie, der „Typus“ eingeführt werden. 
Immer entschiedener erblickte CuvıerR in der Artbeschreibung und in 
der Präzision der Merkmale die einzigen Aufgaben der Zoologie *®. Das 
tritt besonders deutlich in seinem letzten großen Werke: „Histoire naturelle 
des Poissons“ hervor. Die Systematik der Fische hatte von jeher große 
Schwierigkeiten geboten, war also für CuvıeER eine verlockende Aufgabe. 
Er brachte eine Sammlung von Fischen zusammen, wie man sie bisher 
noch nie gesehen hatte. An ihrer natürlichen Klassifikation arbeitete er, 
unterstützt von ACHILLES VALENCIENNES (1794-1868), seit 1820. Tatsachen 
feststellen, beschreiben und klassifizieren, das ist nach ihm das Ziel der 
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