Zur Neubau-Vorgeschichte des Staatlichen Museums
für Naturkunde in Stuttgart
Von Ernst ScHÜz, Ludwigsburg
Es ist höchst erfreulich, daß die einstige „Württembergische Naturaliensammlung“
nach hartem Kampf nun endlich die so dringend benötigte bauliche
Basis erhält (wenn auch in knapper Bemessung). Dieses Ereignis läßt die
Erinnerung an die verwickelte Vorgeschichte dieses Baues wach werden. Manche
Daten sind schon aus dem Gedächtnis entschwunden. Jedermann freilich
weiß von dem klassizistischen Gebäude des GOTTLIEB GEORG BARTH in der
Neckarstraße, dessen Grundstein 1822 gelegt worden war (Lit. 1969). 1847
erfolgte eine Aufstockung, 1864 der Anbau eines Flügels entlang der Archivstraße
und 1911 dessen Erweiterung. Das Wohnhaus Archivstraße 3 (mit der
Linn£E-Büste, Bild Lit. 1965) wurde später teilweise, das zusätzlich erworbene
Haus Archivstraße 4 ganz dienstlich verwendet. Der BArRTHsche Bau war von
Anfang an für das „Königliche Archiv und Naturalien-Cabinet“ zusammen
bestimmt. Die Zunahme der Sammlungen, besonders der Zuwachs an Großpräparaten,
nötigte zwischen den beiden Weltkriegen zu neuen Erwägungen
über die Raumfrage. So entstand 1938, schon mit Einzelheiten, der Plan für ein
neues Museum auf dem „Schiedmayer-Komplex“, also dem übernächsten Häuserblock
neckarstraßen-abwärts (zwischen Ulrich-, Urban- und Eugenstraße).
Der zweite Weltkrieg unterbrach das Verfolgen dieses Zieles. Noch weit
schlimmer: Die schweren Luftangriffe auf Stuttgart 1944, vor allem die vom
21. Februar und 12./13. September, zerstörten das Hauptgebäude, ebenso den
kleinen Präparationsbau Archivstraße 2, und schädigten die Sammlungen aufs
schwerste, soweit sie nicht sicher verlagert waren (Lit. 1949 a, 1956 a).
Welche Möglichkeiten des Wiederaufbaues zeichneten sich ab? Als ich 1949
meinen Museumsdienst antrat, war ein Vorhaben (1) schon abgetan, nämlich
ein Neubau auf dem Killesberg-Messegelände. (2) Noch 1952 drückten die Zeitungen
die Hoffnung aus, daß das Museum an seinem alten Platz wiedererstehen
könnte. Indessen wurde ein Teil des in diesem Fall notwendigen Grenzgeländes
1954 dem USA-Generalkonsulat zugesprochen. Der klassische
Museumsbau mußte teils der Verbreiterung der Neckarstraße, teils dem Neubau
des Hauptstaatsarchivs weichen, und die Archivstraße 3 fiel in das Territorium
der neu zu errichtenden, ebenfalls zerbombten Landesbibliothek. 1963
wurden alle ‚unsere‘ Gebäude, Ruinen wie Erhaltenes, abgerissen, und unser
Museum war damit das einzige des Landes, das seinen alten Standort gänzlich
verlor — eine verzweifelte Lage! Verzweifelt nicht nur, weil der Verbleib
zunächst ganz unklar war, sondern auch, weil die Baubehörden begreiflicher-Jh.
Ges. Naturkde. Württ. 137 (1982)