Robertsonsche Translokationen bei württembergischen Hausmäusen 71
stimmte Bandenmuster entlang der Chromosomenarme erzeugen, wurde es möglich,
die einzelnen, in ihrer Länge sehr ähnlichen Chromosomen zu unterscheiden (Abb. 1, 2,
7, 8; NessıTT und FRANCKE, 1972). Seit 1969 häufen sich daneben Berichte von wilden
Hausmäusen (M. m. domesticus und ihrer südlichen, helleren Form, M. m. brevirostris)
mit metazentrischen Chromosomen (Abb. 2, 4, 6, 8). Mit den oben erwähnten Färbetechniken
konnte nachgewiesen werden, daß diese metazentrischen Chromosomen
durch die sogenannten Robertsonschen Translokationen zustande kommen (Abb. 2).
Bei diesen Translokationen, auch Fusionen genannt, verbinden sich zwei akrozentrische
Chromosomen in ihrem Centromerbereich zu einem metazentrischen Chromosom,
was bei gleichbleibender Chromosomenarmzahl (NF) zu einer Verminderung der diploiden
Chromosomenzahl (2n) führt.
Gerade die Robertsonschen Translokationen wurden schon früh als wichtiger Bestandteil
der Karyotypenevolution in vielen Tierlinien erkannt (RoBERTSON, 1916; Wur-TE,
1978 a) und MaTrHEY verleiht dem großen, durch Robertsonsche Translokationen
hervorgerufenen Chromosomenpolymorphismus in der afrikanischen Superspezies Mus
minutoides/musculoides (2n von 36 bis 18) die Bezeichnung „Robertsonscher Fächer“
(MATTHEY, 1970; JorTrERAND, 1972). Dem ersten, schon klassischen Fall bei M. m. domesticus,
der sogenannten Tabakmaus aus dem Puschlavtal in Graubünden (FATıOo, 1869;
Grop” et al., 1969), folgten bald weitere Funde aus den Alpen, verschiedenen Teilen Italiens,
Sizilien, Zadar, Ostgriechenland, Süddeutschland, Spanien und Schottland, Indien
und sogar von einer antarktischen Insel (Literatur ın Grop” et al., 1982). Die genauer untersuchten
Populationen tragen meist homozygot metazentrische Chromosomen verschiedener,
scheinbar rein zufälliger Armkombinationen und sind inselartig von Populationen
mit rein akrozentrischen Chromosomensätzen umgeben (u.a. CAPANNA et al.,
1977). Es nehmen alle Autosomen von 1 bis 18 an diesem Translokationspolymorphismus
teil, nur Chromosom 19 und die Geschlechtschromosomen bleiben akrozentrisch
(was allerdings nicht für die 12 inzwischen beschriebenen Labormutanten zutrifft). In
manchen Populationen der Alpen und Italiens wurde sogar das Maximum von 9 Paar,
d.h. 18 metazentrischen Chromosomen gefunden (u. a. GROPP et al., 1982). Kreuzungen
von solchen Tieren, die sich völlig in der Chromosomenzusammensetzung ihrer metazentrischen
Chromosomen unterschieden, führten zu lebensfähigen, aber sterilen Hybriden
(CAPANNaA et al., 1976). Biochemische Untersuchungen an Populationen mit und
ohne Robertsonsche Translokationen zeigten noch keine signifikant von Null abweichende
genetische Distanz zwischen diesen Populationen (Brırron-Davıpian et al.,
1980).
Material und Methoden
Tiermaterial
Es wurden Hausmäuse (M. m. domesticus, RuTTY) aus dem mittleren und östlichen
Württemberg untersucht. Die Fangregion von etwa 5000 km”, mit den
Städten Tübingen, Heidenheim und Friedrichshafen als Eckpunkte, deckte folgende
Naturräume ab: das Vorland der mittleren Schwäbischen Alb mit einem
Zentrum um Tübingen und ein Streifen über die mittlere Kuppen- und Flächenalb
(Reutlinger und Münsinger Alb) bis nach Ulm; zwei weitere kleinere
Fangregionen lagen am Rand des Albuchs zwischen Geislingen und Heidenheim
und im Bodenseebecken mit seinem angrenzenden oberschwäbischen
Hügelland entlang der Schussen (Karte 1).
Die Tiere wurden in den Jahren 1978 bis 1981 mit Lebendfallen gefangen, im
allgemeinen über zwei aufeinanderfolgende Nächte. Die Hauptfangzeit er-Ih.
Ges. Naturkde. Württ. 139 (1984)