Aktuelle Beiträge
Neuere Aspekte der Pflanzenmorphologie
Von ULRICH KuLt, Stuttgart
Mit 11 Abbildungen und 1 Tabelle
Herrn Dr. FrieDricH A, Kırr? zum 17. März 1988
Einleitung
Die Morphologie der Pflanzen wurde als wissenschaftliche Teildisziplin der
Botanik durch GoETHes Schrift über die Metamorphose der Pflanzen begründet,
deren erstmalige Publikation 1790 erfolgte. Dieses Werk enthält zugleich
die erste theoretische Fundierung der Pflanzenmorphologie als einer vergleichenden
Wissenschaft. Dank der im 20. Jahrhundert erschienenen zusammenfassenden
Darstellungen von GozBeL und vor allem von TroLL schien die botanische
Morphologie vielen Biologen ein weitgehend abgeschlossenes
Lehrgebäude zu sein, wenn auch TroLLs Bearbeitung der Morphologie der blühenden
Sproßachsen und Infloreszenz-Systeme unvollendet blieb. Von WEBER:
LING (1981) wurde hierzu dann eine zusammenfassende Übersicht vorgelegt.
TroLLs Definition der pflanzlichen Morphologie. ist in ihrer allgemeinen Formulierung
nach wie vor zutreffend: Die Morphologie hat die Gestaltungsverhältnisse
der Pflanzen zum Gegenstand mit dem Ziel, die Mannigfaltigkeit zu
beherrschen. Von diesem Ziel ist die Botanik aber noch weit entfernt, insbesondere
angesichts der Mannigfaltigkeit, die uns in der Vegetation der Tropen
in so ungeheurer Fülle entgegentritt. Teilweise neue Ansätze haben der Morphologie
mittlerweile neue Möglichkeiten eröffnet. Dabei spielen neue Methoden
eine wichtige Rolle, insbesondere Experimente, die morphologische, anatomische
und physiologische Aspekte einschließen, sowie Verfahren der
experimentellen Prüfung morphologischer Modelle mit Hilfe von Computer-Berechnungen.
Darauf wird weiter unten eingegangen. Allerdings ist diese „experimentelle
Morphologie“ von ihrem Ansatz her nicht neu; schon GOETHE
hat seiner Metamorphose der Pflanzen in der Ausgabe von 1790 ein Motto vorangestellt,
das auf Linn£ zurückgeht und das ausdrücklich auf die Erfordernis
von Experimenten hinweist. Die Morphologie hat aber nicht nur als ein Teilgebiet
der Botanik wieder an Aktualität gewonnen, sondern auch wegen
grundsätzlicher Fragen, die durch diese Disziplin aufgeworfen werden: die wissenschaftstheoretische
und erkenntnistheoretische Begründung der Morphologie
ist keineswegs abgeklärt (RırrErRBuscH 1982). Nicht zuletzt im schon klassischen
Widerstreit von Mechanismus und Vitalismus war die Morphologie
einer der offenen Bereiche. Es waren die Unhaltbarkeit des Vitalismus und die
jh. Ges. Naturkde. Württ. 142 (1987)