Full text : Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg (Bd. 142, 1987)

Die Wende am Ries 1961

Von WALTER CARLE, Stuttgart-Riedenberg

Mit 7 Abbildungen

Dem Ries-Forscher RıcHArDd DEM zum 80. Geburtstag

In der geologischen Wissenschaft gibt es plötzliche, wenn auch nicht unvorbereitete
 Wendepunkte der Anschauungen, die auf den Tag, manchmal sogar
auf die Stunde genau zu fixieren sind. Ein berühmtes Beispiel dafür ist der Vortrag
 von OTTO MARTIN TORELL (1828 — 1900), Direktor der schwedischen Landesuntersuchung
 und Universitätsprofessor, vor der Deutschen Geologischen
Gesellschaft am 3. November 1875 in Berlin. Wohl waren Schliffe und gerichtete
 Schrammen auf Muschelkalk-Schichtflächen an der Flanke des Salzstocks
von Rüdersdorf, 25km östlich von Berlin, seit 1836 bekannt, aber nie richtig
gedeutet worden. Noch galt in der Eiszeit-Forschung die Drifttheorie; Eisberge
 schwammen von Skandinavien nach Norddeutschland und luden beim
Abschmelzen ihre Gesteinsfracht ab. ToreLL war am Vortage mit den Berliner
Kollegen BERENDT und OrTH in Rüdersdorf gewesen. Er kannte eine Fülle
gleichartiger Erscheinungen in Skandinavien, wo sie seit jeher und von allen
geglaubt, als Gletscherschliffe identifiziert wurden. Warum also nicht auch in
Norddeutschland? In der anschließenden Diskussion wandten sich Koryphäen
wie HEINRICH VON DEcHEN, ERNST BEYRICH, GOTTLOB MICHAEL BERENDT und
andere teils bedingt, teils ausschließlich gegen die Inlandeis-Hypothese, konnten
 aber deren baldigen endgültigen Sieg nicht mehr aufhalten (Z. deutsch.
geol. Ges. 27, 961—962, 1875; 52, 98 —99, 1900).
Einen Augenblick von gleicher Bedeutung erlebten gar nicht so viele Fachgenossen
 im Hörsaal des Geologisch-Paläontologischen Instituts der Universität
Tübingen am 17. Dezember 1961, die dem eher zurückhaltend formulierten
Thema des Vortrages beiwohnten, den der Tübinger Mineraloge Prof. Dr.
WoLF von ENGELHARDT anbot. Es war nicht unbedingt zu erkennen, daß diese
Veranstaltung die Lösung eines mehr als 100jährigen Problems offenbarte. Die
„in Sand und Schlamm versunkene Sphinx“ des Nördlinger Rieses enthüllte ihr
Antlitz, (DEFFNER 1870).
Ich möchte im folgenden keine Geschichte der Ries-Forschung vorlegen. Es
gibt hierüber eine Reihe guter Darstellungen (Dorn 1950, HÖLDER 1962, DEHM
1968). Zwei dem Ries-Problem gewidmete Sammelbände lassen alles für den
speziell Interessierten leicht greifbar werden:
Das Problem des Rieses. Herausgegeben vom Oberrheinischen Geologischen
 Verein anläßlich seiner Tagung in Nördlingen 1924 (1926).

Jh. Ges. Naturkde. Württ. 142 (1987
            
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