Volltext : Jahreshefte der Gesellschaft für Naturkunde in Württemberg (Bd. 143, 1988)

Erwin Lindner 100 Jahre

Grünwald, die Garchinger Heide und das Dachauer Moos als Fundorte in den
Jahren 1905 — 1909.
Auf das Abitur folgte das Studium: zunächst 3 Semester Physik, Chemie,
Geologie, Botanik und Zoologie an der allgemeinen Abteilung der Technischen
 Hochschule in München, dann 5 Semester fast ausschließlich Zoologie
an der Ludwig-Maximilians-Universität. Seine Lehrer RıcHArRD HERTwIG,
Franz Dorian und RICHARD GOLDSCHMIDT gehörten zu den angesehensten
Zoologen ihrer Zeit. Im Herbst 1912 bestand ERWIN LINDNER das Staatsexamen
für das Lehramt in den beschreibenden Naturwissenschaften, und am 13. November
 1913 wurde er mit dem Prädikat ‚cum laude‘ zum Dr. phil. promoviert.
 Seine Doktorarbeit hatte ein cytologisches Thema: Sie handelte von der
Spermiogenese und den Chromosomen des parasitischen Wurmes Schistosomum
 haematobium, des Erregers der Bilharziose.
Schon 6 Wochen vor der Promotion, am 1. Oktober 1913, trat ERWIN LIND-NER
 als wissenschaftlicher Assistent auf Probe in die Württembergische Naturaliensammlung
 in Stuttgart ein. Der damalige Direktor, Kurt LAMPERT,
hatte sich während einer Exkursion an den Federsee von den Fähigkeiten und
Kenntnissen des jungen Entomologen überzeugt. Am 1. November 1914 erfolgte
 die planmäßige Anstellung. Die Stelle war durch den Abgang von Heın-RICH
 FiSCHER, der von 1904 bis 1911 die entomologische Sammlung des Museums
 betreut und geordnet hatte, frei geworden. Unglücklicherweise war
inzwischen der Krieg ausgebrochen, und dadurch wurde der junge Wissenschaftler
 aus seiner Arbeit herausgerissen. Er wurde zum Militärdienst einberufen.
 Am 15. Juni 1915 wurde er bei den Kämpfen in den Vogesen am linken
Unterschenkel schwer verwundet. Die Heilung dauerte 14 Monate, und danach
 schickte man den Soldaten nicht wieder an die Front, sondern in die
Etappe nach Serbien. Anfang 1918 kehrte LINDNER nach Stuttgart an die Naturaliensammlung
 zurück.
Dort gab es für ihn ein endloses Maß an schwierigen Aufgaben. Er fühlte
sich, wie er später im Vorwort zu seinem Fliegenwerk schreibt, „mitten in ein
Chaos gesetzt, umgeben von einer Fülle wertvollen ungeordneten Materials.“
Ein anderer hätte das Einfachste, das Leichteste herausgegriffen, doch was
LINDNER am meisten interessierte, war eine reichhaltige Kollektion wenig bekannter
 und schwieriger Insekten: die Fliegensammlung des Staatsrates KARL
von Roser, der 1861 gestorben war. Das Material war vor 1850 in Württemberg
 gesammelt und mit den damaligen geringen Kenntnissen sehr ungenügend
determiniert. LINDNER nahm sich diese Sammlung vor, aber er stieß auf größte
Schwierigkeiten. Es gab damals nur ein zwar berühmtes, aber völlig veraltetes
Bestimmungsbuch für Dipteren: ‚Die Fliegen‘ von J. R. SCHINER in der Fauna
Austriaca (2 Bände, 1862), und alle neueren Erkenntnisse und Revisionen
waren in zahllosen kleinen Arbeiten in der Literatur zerstreut.
Ein Bestimmungsbuch, das fehlt, muß geschaffen werden, dachte LINDNER,
aber allein war er dazu nicht imstande, darum erkundigte er sich bei den älteren
 und erfahrenen Dipterenspezialisten, THEODOR BECKER in Liegnitz, FRIED-RICH
 HEnoeL in Wien und anderen, ob sie an diesem Vorhaben mitarbeiten
würden. Die Antworten waren positiv, und sein Gefühl der Erleichterung
kommt in einem Brief zum Ausdruck, den er am 12. Mai 1920 an BECKER

Ih. Ges. Naturkde, Württ. 143 (19881
            
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