N Jh. Ges. Naturkde. Württemberg _f 151. Jahrgang [ Stuttgart, 15. Dezember 1995 I
Selbstorganisation in der frühen Evolution des Lebens
Von ADOLF SEILACHER, Tübingen/Yale
Mit 5 Abbildungen
Die Paläobiologie untersucht die fossil überlieferten Dokumente der
Evolution der Lebewesen und trägt so entscheidend zur Klärung der Herkunft
der rezenten Organismen bei. Sie liefert auch die Befunde, die Diskontinuitäten
in den zeitlichen Veränderungen der Biosphäre erkennen lassen.
Von diesen sind die Massenaussterbe-Ereignisse am besten bekannt; sie
führten z. B. zum Verschwinden mehrerer zuvor blühender Tiergruppen am
Ende der Kreidezeit (Ammoniten, Belemniten, Dinosaurier u. a.). Weniger
gut charakterisiert sind die im Grunde noch schwerer zu erklärenden
Ereignisse, die zur explosiven Entwicklung neuer Organismengruppen geführt
haben, wobei neue Baupläne rascher auftreten als ihrer Komplexität
nach anzunehmen wäre.
Die kambrische Revolution
Das tiefgreifendste Ereignis einer solchen „Faunenexplosion“ ist das fast
gleichzeitige Auftreten der meisten Stämme der hartteilbildenden Bilateria
zu Beginn des Kambriums (vor ca. 570 Millionen Jahren). Dieses Phänomen
wurde schon im vergangenen Jahrhundert erkannt; eben deshalb wird
die Grenze zwischen Proterozoikum und Paläozoikum an die Basis des
Kambriums gelegt. Die Erklärung für die Ursache dieses Faunensprungs
aber hat sich mittlerweile gewandelt. Zunächst hatte man angenommen,
daß es sich um ein durch die Fossilerhaltung hervorgerufenes Artefakt handele:
die proterozoischen Organismenreste sollten durch Metamorphose
bzw. Abtragung der entsprechenden Sedimente verlorengegangen oder
aber infolge des Fehlens von Hartteilen gar nicht erhaltungsfähig gewesen
sein. Mittlerweile sind aber aus vielen Teilen der Erde nicht-metamorphe
Gesteinsserien bekannt geworden, die über die Präkambrium/Kambrium-Grenze
kontinuierlich hinwegreichen, ohne daß dadurch das Bild des
plötzlichen Auftretens der Faunenvielfalt im Kambrium grundsätzlich verändert
worden wäre,
Neue Überlegungen ergaben sich aus der Entdeckung der „Ediacara-Fauna“
des obersten Präkambriums (Vendium) (GLAESSNER 1984). Sie ist
gekennzeichnet durch zum Teil ziemlich große als Abdrücke erhaltene Fossilien,
die als Überreste verschiedener Tierstämme jeweils ähnlicher Gestalt
angesehen und als frühe Formen ohne Hartteile interpretiert wurden (Me-Jh.
Ges. Naturkde. Württ. 151 (1995)