Jh. Ges, Naturkde. Württemberg | 52. Jahrgang [ Stuttgart, 15. Dezember 1996 |
Hieracium lycopifolium FROELICH, eine neue reliktäre
Hieracium-Art auf der Schwäbischen Alb
Von
WALTER ZUGMAIER, Stuttgart, und GÜNTER GOTTSCHLICH, Tübingen
Mit 2 Abbildungen
Im August 1994 fand der Erstautor bei der floristischen und vegetationskundlichen
Untersuchung des geplanten Naturschutzgebietes Tobeltal auf
der nördlichen Mittleren Schwäbischen Alb in einem lichten Eichen- bzw.
Eichen-Hainbuchen-Wald eine Hieracium-Art, bei der sich aufgrund des
auffälligen Merkmalkomplexes schon bald der Verdacht auf Hieracium lycopifolium
erhob. Der Zweitautor konnte dies an vorgelegtem Herbarmaterlal
bestätigen. 1995 wurde der Wuchsort dann noch einmal von beiden
Autoren aufgesucht, um das ökologische Umfeld, die Vergesellschaftung
und die Frage nach dem Indigenat dieser bemerkenswerten Sippe genau zu
untersuchen. Diese Fragen konnten vor Abschluß des Manuskriptes für die
Hieracien-Bearbeitung im Band 6 der „Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs“
(GOTTSCHLICH 1996) nicht mehr geklärt werden.
Fundort und Verbreitung
Der neu entdeckte Wuchsort von Hieracium Iycopifolium liegt auf der
nördlichen Mittleren Schwäbischen Alb bei Oberlenningen im Bereich der
Kirchheimer Alb. H. !ycopifolium kommt dort am südexponierten, felsigen
Oberrand des Tobeltales in 700 m über NN mit einem Gesamtbestand von
ca. 50 Individuen vor. Das Tobeltal ist ein Seitental des Lenninger Lautertales.
Es handelt sich damit um eine geographisch bemerkenswerte Arealerweiterung,
denn H. Iycopifolium ist mit deutlichem Verbreitungsschwerpunkt
in den Tallagen der Westalpen beheimatet. Außeralpine Teilareale
existieren nur im Schweizer Jura, in den Vogesen, im Oberrheingebiet (in
neuerer Zeit nicht mehr bestätigt) und am westlichen und südlichen Rand
des Schwarzwaldes. Diese rechtsrheinischen Vorkommen markierten bisher
die nordöstliche Verbreitungsgrenze der Art.
Morphologie
Hieracium lycopifolium wird in der Hieracien-Literatur traditionell als
„Zwischenart“, d.h. als vereinigter Merkmalskomplex der beiden Arten sabaudum
und prenanthoides angesehen. Dies darf hier nur als Hinweis auf
die morphologische Zwischenstellung, keinesfalls aber als Bastardeigen-Jh.
Ges. Naturkde. Württ. 152 (1996)