Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 32, 1876)

— 464 — 
zugsweise bei den germanischen Barbaren gefunden wurde; er 
wird es vorziehen, diese für römisch, holländisch, dänisch oder 
alles mögliche andere, nur nicht für germanisch zu erklären. 
Den Deutschen überlässt er dann aus dankenswerther Nächsten- 
liebe herzlich gerne die brachycephale Form, da es nicht möglich 
ist, ihnen den Besitz von Schädeln überhaupt zu bestreiten. Es 
kann aber wohl auch vorkommen, dass den Deutschen gar keine 
karakteristische Schädelform erlaubt wird, und die fremdländi- 
schen Anhänger dieser Ansicht werden dann wohl der Beistim- 
mung desjenigen Theils unserer Gelehrten gewiss sein dürfen, 
welche es unangenehm berührt, zugeben zu müssen, die Germanen 
hätten einst eine einheitliche Rasse gebildet. — Da es unter 
den Anthropologen endlich auch einige wenige giebt, welche im 
alten Testamente auch in kraniologischer Beziehung die: letzte 
Entscheidung suchen, so sieht jeder ein, dass es für diese un- 
möglich ist, die Abstammung aller Menschen von Adam und Eva 
und die Einheit des Menschengeschlechts aufzugeben und dessen 
verabscheuungswürdige Eintheilung in Genera und Species anzu- 
erkennen. 
Auf ähnlich unsicherem Grunde, wie die Rasseneinheit, be- 
ruht auch die Hypothese von den Wanderungen und der Urheimath 
der Indogermanen. Letztere suchte man bisher im Südosten 
des schwarzen Meeres, Herr Benfey hat aber überzeugend nach- 
gewiesen, dass sie nicht dort, sondern im mittleren und nörd- 
lichen Europa zu suchen sei, Die ganze Eigepthümlichkeit der 
Rasse, vor Allem ihr Verhalten gegen warme Klimate spricht 
gleichfalls für ihre Entstehung in nördlichen Gegenden. In Be- 
treff ihrer Wanderungen ist es sicherlich, das Allerwahrschein- 
lichste anzunehmen, dass die Vorfahren der Germanen von der 
Zeit an, in welcher sie zu grösseren Verbänden herangewachsen 
waren, Eroberungszüge nach Westen und Süden wie nach Osten 
gemacht haben, und dass sie dabei gerade so zu Werke gingen, 
wie in historischen Zeiten, in welchen sie durch Übervölkerung, 
Kriegsbedrängnisse oder andere Ursachen veranlasst wurden, be- 
waffnete Auswandererzüge in Länder zu unternehmen, in welchen 
sie günstige Existenzbedingungen zu finden hoffen konnten.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.