Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 43, 1887)

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sam mit Badkompagnons im Freien oder bei Regenwetter im Trink- 
haus bis 9 Uhr, die übrige Vormittagszeit bringt er mit einem guten 
Diskurse zu. Die Unterhaltung dabei läuft meist in Familiengeschich- 
ten, Komplimenten, derben Scherzen und Anekdoten; wenn sie einen 
höhern Flug nimmt, so berührt sie vorsichtig Politik, sehr ungern 
Glaubenssachen. Das Tabakrauchen war dabei verboten, unser 
Doktor war kein Raucher und ruft aus in der Entrüstung: „es wäre 
en general zu wünschen, dass Europa nie keinen Tabak gesehen 
hätte; so hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch übersteiget 
der Missbrauch des Tabaks den rechten Gebrauch. Der Badgast, der 
dem Blut die Hitze durchs Sauerwasser nehme am Vormittag, sie 
aber durch Rauchen am Nachmittag ihm wieder beibringe, mache 
es wie Penelope mit ihrem Gewebe.“ 
Ein andermal liest er vielleicht ein gutes Historienbuch, so auf 
der letzten Leipziger Messe gekauft worden, da die Materie lustig 
ist und wenig Kopfzerbrechens bedarf, und das Gemüt frei von 
Sorgen bleibet. 
Hat unser Gast passende Gesellschaft, so macht er wohl mit 
ihr einen Gang zur Lutzischen Apotheke, wo bei einem Glas Aquavit 
Politik und Stadtneuigkeiten besprochen wurden, indem die Apotheken 
damals einen Mittelpunkt für die Honoratioren zur Sammlung in den 
Vormittagsstunden, so eine Art Frühmesslokal bildeten. Gerne sah 
man bei der Gelegenheit den Postwagen an- und abfahren, um Neues 
vom Reich zu hören. Von 11—12 Uhr speist man zu Mittag. Ein 
mittelmässiger Gast hatte an drei Gerichten genug, reiche Herren 
thaten mehr, obwohl ungleich ratsamer wäre nach des Doktors An- 
sicht, wenn sie etwas einfältiger im Sauerbrunnen lebten, da Schwel- 
gen und Saufen im Bad alle Kur verderbe, woran schliesslich doch 
der gute Brunnen und der Doktor schuld sein müssen. Jeder Bad- 
gast konnte sich auf einem Speisezettel, der ihm des Morgens von 
einem Badknecht in die Stube gebracht wurde, für den Mittagstisch 
auswählen was er wollte; doch waren auf demselben nur Speisen 
vorgemerkt, so den Gästen dienlich erachtet wurden. Erlaubt waren 
altgebackenes Roggenbrot, denn „mit guten Wecken oder Kernbrot 
ist man zu Göppingen allzeit versehen,“ — so steht schon a. 1654 ge- 
schrieben — von Fleischwerk Rindfleisch, Kalbfleisch und Rehfleisch ; 
einen Hasen liess der Doktor ungern passieren; verboten war Ochsen- 
fleisch, Schweinefleisch, Hirsch und Schwarzwildpret. Von Federvieh 
liess man gelten: Kapaunen, Göckel, Rebhühner, Haselhühner, Tauben, 
Krametsvögel, Lerchen. Verboten waren Gänse und Enten, Wachtel
	        

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