Volltext: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 49, 1893)

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die normale Grösse um mehr als das Doppelte übertrafen und welche 
tief eingeschnitten waren (Fig. 2a und b), während die übrige Belaubung 
des Strauches durchaus normal war (Fig. 1). 
Es kann hier von einer Hemmungsbildung wohl kaum die Rede 
sein. Im Gegenteil ist die Erscheinung eher durch die üppige Vegeta- 
tion, durch überreiche Saftströmung nach der betreffenden Stelle hervor- 
yerufen worden. 
Eine weitere Ursache der Geschlitztblättrigkeit wird dem Ein- 
Auss von Insekten, Aphiden, Gallmückenlarven etc. zugeschrieben. 
Geh. Hofrat Professor Dr. KERNER VON MARILAUN nennt es in 
gütigster Beantwortung einer in dieser Angelegenheit an ihn gerichteten 
Anfrage sehr bemerkenswert, dass. durch Insektenlarven der Umriss der 
Laubblätter bisweilen in derselben Weise verändert wird, wie wir es 
an den geschlitztblättrigen Bäumen und Sträuchern zu sehen Gelegen- 
heit haben. An einer Quercus Austriaca sah er durch den Einfluss von 
Aphiden die Laubblätter in ganz ähnlicher Weise geschlitzt geworden, 
wie die im Anhang abgebildeten Blattformen, von welchen ich ihm 
photographische Abbildungen zugesandt hatte, 
In seinem Werke „Pflanzenleben‘‘, II. Bd. S. 546, erwähnt der- 
selbe ferner eines Weissdorns, dessen oberste Laubblätter infolge des 
Einflusses der Gallmücke Cecidomyia Crataegi tief zerschlitzt erschienen. 
Ich habe diese Blattform des Crataegus oxyacantha an Sträuchern 
und Hecken, womit in: hiesiger Gegend viele Gärten umfriedet sind, 
auf meinen Exkursionen selbst oft beobachtet (Fig. 4a und b). 
Mit diesen Beobachtungen stimmen die Angaben .von Professor 
Dr. von ETTINGHAUSEN und Krasan zu Wien, welche in den Denkschriften 
der k. k. Akademie der Wissenschaften, Wien, Bd. LIV. Jahrg. 1887, 
niedergelegt sind, vollkommen überein, 
Dieselben führen die Thatsache an, dass infolge von Insekten- 
frass an Eichen und Buchen Nachtriebe sich einstellen, welche ganz 
abnorme zum Charakter der Species gar nicht passende Blattformen 
antwickeln. — 
Waren bis hierher diejenigen Fälle erwähnt, in welchen die Ab- 
weichung von der normalen Form durch besondere bekannte Einflüsse 
veranlasst worden ist, so kommen nunmehr diejenigen Erscheinungen 
an die Reihe, bei welchen die Veranlassung der Formveränderung nicht 
bekannt ist. 
In erster Linie möchte ich hier die Syringa chinensis. erwähnen, 
die an verschiedenen Stellen der königlichen Anlagen, insbesondere in 
der Einfassung des oberen Anlagensees, angetroffen wird und welche 
nicht zu verwechseln ist mit der im Stadtgarten befindlichen und im 
Anhang abgebildeten Syr. persica laciniata (s. Fig. 19 u. ff.). 
An derselben fand ich an ca. 30 Sträuchern mehrfach Blätter, 
welche teils einseitig, teils: doppelseitig mit Fiedern, jedoch an allen 
Exemplaren stets nur mit je einer Fieder versehen waren; nur an einem 
einzigen Busche ist es mir gelungen, 2—#3 kleine Zweige zu finden, 
welche Blätter mit 2——3 Fiedern auf jeder Seite. ähnlich wie bei Syr.
	            		
— LYII persica laciniata (Fig. 19 u. ff.) besassen, während der ganze übrige Strauch mit normalen ungefiederten Blättern belaubt war. Die Erscheinung ist spontan: aufgetreten und hat noch keinen konstanten laciniaten Charakter angenommen, ; Der Versuch, die laciniate Form zu erhalten, ist jedoch nunmehr eingeleitet, und zwar durch Einsetzen von Stecklingen. Sodann gehören hierher die meisten in der Anlage abgebildeten, in ‚Stuttgart und Umgebung aufgefundenen Beispiele (Fig. 6 u. ff.). Dieselben unterscheiden sich von den bisher aufgeführten meist dadurch, dass sie keine vorübergehenden, nur an einzelnen Zweigen auf- tretende — wenngleich aus solchen ursprünglich hervorgegangene — Erscheinungen mehr sind, sondern vielmehr durch Veredelung stabile Form angenommen, dem gesamten Strauch und Baum durch’ die .ver- änderte Blattbildung ein ganz fremdartiges Aussehen gegeben und wegen ihrer interessanten Erscheinung seit neuerer Zeit in vielen Parks und Anlagen als Ziersträucher und Zierbäume Eingang gefunden haben. Man könnte beinahe versucht sein, dieselben für neue Arten zu halten, jedoch wäre dieses nicht richtig, sie sind vielmehr nur als Varietäten (Spielarten) aufzufassen, da ihnen die Fähigkeit, sich selbst zu reproduzieren, nur in den wenigsten Fällen zukommt, sie sind nicht zuverlässig samenbeständig, da nach der Aussaat über- wiegend nur die normalen Formen wieder zum Vorschein kommen. Die hier in Stuttgart und Umgebung eingeführten ‚„Laciniaten‘‘ stammen meist von. französischen Züchtern. Ich habe mich wegen ihrer Entstehung an dortige Firmen gewandt und darüber bereitwilligst Aufschluss erhalten. Im Auszuge lauten die Antworten wie folgt: Au sujet de Quercus — Alnus — Fagus etc. & feuilles laciniees ou heterophylles, ils proviennent de semis du hasard, de graines de pro- venance inconnue... Le plant en levant s’&tant trouve & feuilles lacinices on la fix6 en V&cussonnant sur un autre sujet et c’est ainsi gqu’on le reproduit, par greffes (Pfropfreis). Les semis de variet6s 'aciniees donnent quelque fois laciniees, mais le plus souvent la vari6te ördinalre. Simon fröeres, Plantieres pres Metz. Ferner: Alnus laciniata: L’origine de cette espece nous est connue, elle a 6t6 trouv6e dans un semis ‚„d’alnus glutinosa‘* (Schwarzerle s. Abbildung Fig. 7) c’est une deviation de nature (Spielart von Natur), qui est due an hasard sans aucun aide artificiel :,... L’origine de graines ou 1l’hybridation (Bastardierung) ne jouent aucun role dans cette production. Nous avons bien des fois sem6 des graines d’alnus laciniata — Corylus laciniata, sans que nous ayons jamais trouve dans les semis un seul jeune sujet ayant des feuilles decoup6&es. Cependant il y a deux especes qui en produisent quelque fois —
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