Zur Diskussion um Gebrauchsqualitäten: Architektenschelte?
Ka
Franz Pesch, Klaus Selle
’Rationale Architektur’ im Revier
Ein Nachwort zu den 4. Dortmunder Architekturtagen
Aus Platzgründen konnten hier nur die ersten beiden Abschnitte des dreiteilig angeleg:e ı Artikels veröffentlicht werden.
Vom 19, bis 21. April 1978 fanden die
4. Dortmunder Architekturtage statt. Nach-
dem diese sich in den Vorjahren so gewichti-
gen Themen wie „Das Prinzip Reihung in der
Architektur” oder „Achse und Symmetrie
in Architektur und Städtebau’ gewidmet hat-
ten, wurde nun Aktualität signalisiert: es galt,
das Problem „Wohnen im Revier” am Beispiel
der Arbeitersiedlungen aufzugreifen.
Zu diesem Zwecke hatten 5 Arbeitsgrup-
pen, die z.T. mit illustren Namen besetzt wa-
ren, für 5 Siedlungen „‚Erhaltungs-, Erneue-
rungs- und Ergänzungsvorschläge auf der
Grundlage sorgsamer Vorarbeiten’! ausgear-
beitet, um sie im Rahmen der Architekturtage
vorzustellen.
Stützen konnte und sollte sich die Ent-
wurfstätigkeit (Budget rd. 125.000 DM), die
entsprechend als 3. Phase eines Forschungspro-
jekts firmierte, auf die vorhergegangenen Ar-
beitsschritte, in denen primär Inventarisation
und Bewertung der Arbeitersiedlungssubstanz
im Ruhrgebiet betrieben worden war. Diese
von Franziska Bollerey und Kristiana Hart-
mann durchgeführten Arbeiten, die wesent-
lich dazu beitrugen, insbesondere der Fach-
Öffentlichkeit die Existenz von über 1000 Ar-
beitersiedlungen überhaupt ins Bewußtsein
zu heben, hätten allerdings eine sinnvollere
„Umsetzung in Praxis’ (dies der Anspruch)
verdient, als dies mit den vorgelegten Entwür-
fen geschah.
Was Ulrich Conrads mutmaßte, daß näm-
lich „‚ein bewunderungswürdiger Aufwand
an analytischer, bewertender Arbeit — gut
zweieinhalb der drei Arbeitsschritte lang —
schließlich doch unter die Zeichentische ge-
fallen ist”? wird von Bollerey & Hartmann
durch eine deutliche Distanzierung bestätigt:
„Wir möchten unserem Bedauern Ausdruck
verleihen, daß ein sozialpolitisch brisanter
und von den Ruhrgebietsstädten zu lösender
Themenkomplex, der solidarisches Handeln
fordert, in ein gestaltplanerisches Eingleis ge-
zwungen wurde, von dem wir uns distanzieren.
Hätte sich das Forschungsprojekt z.B. mit
den Wasserburgen in Westfalen beschäftigt,
dann wäre die nun in den Vordergrund gerück-
te ausgeprägte formale und mechanistische Be-
trachtungsweise wohl weniger fragwürdig.”®
Damit wird die Sache bereits beim Namen
genannt: die vom spiritus rector der Gesamt-
veranstaltung J.P. Kleihues eingeladene Archi-
tekturavantgarde hatte sich überwiegend in
formalen Spielereien ergangen, die bereits auf
dem Blatt Befremden auszulösen vermochten.
Wütend werden aber mußte man, wenn man
berücksichtigte, mit welcher Kaltschnäuzigkeit
hier Bewohner und gelebte Räume übergangen
und zu Spielmaterial von Architekturphantasien
umformuliert wurden. Aber nicht nur das Er-
gebnis erschreckt, auch der Weg dorthin: da set-
zen sich doch Architekten an ihre entfernten
Zeichentische, formulieren durch Befragungen
[!) “erfaßte’ Bedürfnisse hurtig in Bauaufgaben
um, und übersehen dabei, daß die Bewohner der
zu verplanenden Siedlungen längst durch harte
politische Auseinandersetzungen mündig genug
sind, ihre Interessen zu erkennen und deren
Durchsetzung selbst in die Hand zu nehmen.
Und daß der Platz des Architekten nur auf der
Seite der Betroffenen sein kann: als Dienstlei-
stender und nicht als sich ssibst befriedigender
Beglücker.
Möglicherweise könnte man angesichts die-
ses erschrecklichen Schauspiels — nach einer
polemischen Attacke* — wieder zur Tagesord-
nung zurückkehren, wäre da nicht der Ver-
dacht, daß diese Selbst-Darsteller auf einer
Woge schwimmen, die insgesamt zurück-
schlägt.
Unterstellen wir einmal, daß Architekten
und Planer in den letzten 10 Jahren lernen
konnten, wie wichtig es ist, ihr professionelles
Wissen auf seiten Planungsbetroffener nutzbar
zu machen; möglicherweise nicht zugleich und
in erster Linie bauen zu wollen, sondern u.U.
mit den vom Bauen Bedrohten gegen die Zer-
störung von billigem Wohnraum zu kämpfen,
um dann zu fragen, wie technisch und ökono-
misch behutsam Gebrauchswertverbesserungen
realisiert werden können ... dann ließe sich
mutmaßen, daß dies eine-Woge ist, die zur
‘arch minus’ zurückschlägt, zum Architekten
als selbstherrlichem Beglücker, zur Architektur
als Verpackungsfrage.
Um dieser Vermutung etwas nachzugehen,
haben wir diesen Beitrag geschrieben; wir
ziehen dazu zwei Kreise um den eigentlichen
Anlaß: die Entwürfe von drei der Architekten-
aruppen, die an „‚Wohnen im Revier” mitent-
warfen:
® diese werden zunächst an einigen wenigen
Dielen etwas plastischer gemacht (Abschn.
1);
® um die Ergebnisse als Architektur einzu-
schätzen, ist eine kritische Betrachtung des
Umfeldes, hier der sogenannten neuen Ratio-
nalisten notwendig, von denen wir glauben,
daß sie sich in einer ‘nutzerfeindli:hen Offen-
sive’ befinden (Abschn. 2);
Angemerkt werden muß noch, daß uns auch
beim Schreiben dieses Beitrags die alte Wut
— trotz des langen Zeitraums — nicht verlas-
sen hat. Ein Blick ins Entwurfsmaterial reich-
te. So haben wir uns denn dazu bekannt und
sind gleich in einer weitestgehend polemischen
Form verblieben, die notwendigerweise an eini-
gen Stellen flächig wird, um andere Stellen
zu pointieren. Wir glauben allerdings, daß
die angesprochenen Fragen einer konkret
praktischen Weiterführung bedürfen, die ins-
besondere in eine Reaktivierung der Berufs-
bilddiskussion münden müßte. Unsere Pole-
mik bliebe sonst auf sich beschränkt und
damit steril.
1. DAS ‘125.000 DM-MISSVERSTÄND-
NIS’ oder: ‘WIR LEBEN ANDERS’
Die leidvolle Geschichte der Arbeiter-
siedlung im Ruhrgebiet und des nun
schon bald zehn Jahre währenden Kamp-
fes um ihre Erhaltung braucht hier nicht
noch einmal erzählt zu werden. Abriß
oder Privatisierung heißen die Alterna-
tiven, die von den Eigentümern in letz-
ter Zeit je nach Etragslage und Woh-
nungsmarktsituation entwickelt worden
sind. Wenig Beachtung findet bei den
ins Auge gefaßten ‘Totaloperationen’
die Tatsache, daß die Bewohnbarkeit
der Siedlungen und der vergleichsweise
gute Wohnwert im Wohnungsumfeld in
vielen Fällen nur durch Initiative der
Bewohner aufrechterhalten werden
konnte, da die Eigentümer aufgrund an-
derweitiger Anlagemöglichkeiten ihrer
Instandsetzungsverpflichtung — wenn
überhaupt — nur zögernd nachkamen.
Unterhaltungsmaßnahmen in Selbsthilfe
und Kostenübernahme sowie der aktive
Gebrauch der Gärten (Obst- und Gemüse-
anbau, Kleintierhaltung, Aufenthaltsbe-
reich zur Erweiterung der begrenzten
Wohnfläche) haben zu einer „Aneignung
ohne Eigentumsrechte”‘ durch die Be-
„Wohnen und Arbeiten im Revier”; ein Beispiel: Die Siedlung Felicitas in Dortmund 1975 und 1978“
An