Volltext: ARCH+ : Zeitschrift für Architekten, Stadtplaner, Sozialarbeiter und kommunalpolitische Gruppen (1978, Jg. 10, H. 37-42)

Zur Diskussion um Gebrauchsqualitäten: Architektenschelte? 
Ka 
Franz Pesch, Klaus Selle 
’Rationale Architektur’ im Revier 
Ein Nachwort zu den 4. Dortmunder Architekturtagen 
Aus Platzgründen konnten hier nur die ersten beiden Abschnitte des dreiteilig angeleg:e ı Artikels veröffentlicht werden. 
Vom 19, bis 21. April 1978 fanden die 
4. Dortmunder Architekturtage statt. Nach- 
dem diese sich in den Vorjahren so gewichti- 
gen Themen wie „Das Prinzip Reihung in der 
Architektur” oder „Achse und Symmetrie 
in Architektur und Städtebau’ gewidmet hat- 
ten, wurde nun Aktualität signalisiert: es galt, 
das Problem „Wohnen im Revier” am Beispiel 
der Arbeitersiedlungen aufzugreifen. 
Zu diesem Zwecke hatten 5 Arbeitsgrup- 
pen, die z.T. mit illustren Namen besetzt wa- 
ren, für 5 Siedlungen „‚Erhaltungs-, Erneue- 
rungs- und Ergänzungsvorschläge auf der 
Grundlage sorgsamer Vorarbeiten’! ausgear- 
beitet, um sie im Rahmen der Architekturtage 
vorzustellen. 
Stützen konnte und sollte sich die Ent- 
wurfstätigkeit (Budget rd. 125.000 DM), die 
entsprechend als 3. Phase eines Forschungspro- 
jekts firmierte, auf die vorhergegangenen Ar- 
beitsschritte, in denen primär Inventarisation 
und Bewertung der Arbeitersiedlungssubstanz 
im Ruhrgebiet betrieben worden war. Diese 
von Franziska Bollerey und Kristiana Hart- 
mann durchgeführten Arbeiten, die wesent- 
lich dazu beitrugen, insbesondere der Fach- 
Öffentlichkeit die Existenz von über 1000 Ar- 
beitersiedlungen überhaupt ins Bewußtsein 
zu heben, hätten allerdings eine sinnvollere 
„Umsetzung in Praxis’ (dies der Anspruch) 
verdient, als dies mit den vorgelegten Entwür- 
fen geschah. 
Was Ulrich Conrads mutmaßte, daß näm- 
lich „‚ein bewunderungswürdiger Aufwand 
an analytischer, bewertender Arbeit — gut 
zweieinhalb der drei Arbeitsschritte lang — 
schließlich doch unter die Zeichentische ge- 
fallen ist”? wird von Bollerey & Hartmann 
durch eine deutliche Distanzierung bestätigt: 
„Wir möchten unserem Bedauern Ausdruck 
verleihen, daß ein sozialpolitisch brisanter 
und von den Ruhrgebietsstädten zu lösender 
Themenkomplex, der solidarisches Handeln 
fordert, in ein gestaltplanerisches Eingleis ge- 
zwungen wurde, von dem wir uns distanzieren. 
Hätte sich das Forschungsprojekt z.B. mit 
den Wasserburgen in Westfalen beschäftigt, 
dann wäre die nun in den Vordergrund gerück- 
te ausgeprägte formale und mechanistische Be- 
trachtungsweise wohl weniger fragwürdig.”® 
Damit wird die Sache bereits beim Namen 
genannt: die vom spiritus rector der Gesamt- 
veranstaltung J.P. Kleihues eingeladene Archi- 
tekturavantgarde hatte sich überwiegend in 
formalen Spielereien ergangen, die bereits auf 
dem Blatt Befremden auszulösen vermochten. 
Wütend werden aber mußte man, wenn man 
berücksichtigte, mit welcher Kaltschnäuzigkeit 
hier Bewohner und gelebte Räume übergangen 
und zu Spielmaterial von Architekturphantasien 
umformuliert wurden. Aber nicht nur das Er- 
gebnis erschreckt, auch der Weg dorthin: da set- 
zen sich doch Architekten an ihre entfernten 
Zeichentische, formulieren durch Befragungen 
[!) “erfaßte’ Bedürfnisse hurtig in Bauaufgaben 
um, und übersehen dabei, daß die Bewohner der 
zu verplanenden Siedlungen längst durch harte 
politische Auseinandersetzungen mündig genug 
sind, ihre Interessen zu erkennen und deren 
Durchsetzung selbst in die Hand zu nehmen. 
Und daß der Platz des Architekten nur auf der 
Seite der Betroffenen sein kann: als Dienstlei- 
stender und nicht als sich ssibst befriedigender 
Beglücker. 
Möglicherweise könnte man angesichts die- 
ses erschrecklichen Schauspiels — nach einer 
polemischen Attacke* — wieder zur Tagesord- 
nung zurückkehren, wäre da nicht der Ver- 
dacht, daß diese Selbst-Darsteller auf einer 
Woge schwimmen, die insgesamt zurück- 
schlägt. 
Unterstellen wir einmal, daß Architekten 
und Planer in den letzten 10 Jahren lernen 
konnten, wie wichtig es ist, ihr professionelles 
Wissen auf seiten Planungsbetroffener nutzbar 
zu machen; möglicherweise nicht zugleich und 
in erster Linie bauen zu wollen, sondern u.U. 
mit den vom Bauen Bedrohten gegen die Zer- 
störung von billigem Wohnraum zu kämpfen, 
um dann zu fragen, wie technisch und ökono- 
misch behutsam Gebrauchswertverbesserungen 
realisiert werden können ... dann ließe sich 
mutmaßen, daß dies eine-Woge ist, die zur 
‘arch minus’ zurückschlägt, zum Architekten 
als selbstherrlichem Beglücker, zur Architektur 
als Verpackungsfrage. 
Um dieser Vermutung etwas nachzugehen, 
haben wir diesen Beitrag geschrieben; wir 
ziehen dazu zwei Kreise um den eigentlichen 
Anlaß: die Entwürfe von drei der Architekten- 
aruppen, die an „‚Wohnen im Revier” mitent- 
warfen: 
® diese werden zunächst an einigen wenigen 
Dielen etwas plastischer gemacht (Abschn. 
1); 
® um die Ergebnisse als Architektur einzu- 
schätzen, ist eine kritische Betrachtung des 
Umfeldes, hier der sogenannten neuen Ratio- 
nalisten notwendig, von denen wir glauben, 
daß sie sich in einer ‘nutzerfeindli:hen Offen- 
sive’ befinden (Abschn. 2); 
Angemerkt werden muß noch, daß uns auch 
beim Schreiben dieses Beitrags die alte Wut 
— trotz des langen Zeitraums — nicht verlas- 
sen hat. Ein Blick ins Entwurfsmaterial reich- 
te. So haben wir uns denn dazu bekannt und 
sind gleich in einer weitestgehend polemischen 
Form verblieben, die notwendigerweise an eini- 
gen Stellen flächig wird, um andere Stellen 
zu pointieren. Wir glauben allerdings, daß 
die angesprochenen Fragen einer konkret 
praktischen Weiterführung bedürfen, die ins- 
besondere in eine Reaktivierung der Berufs- 
bilddiskussion münden müßte. Unsere Pole- 
mik bliebe sonst auf sich beschränkt und 
damit steril. 
1. DAS ‘125.000 DM-MISSVERSTÄND- 
NIS’ oder: ‘WIR LEBEN ANDERS’ 
Die leidvolle Geschichte der Arbeiter- 
siedlung im Ruhrgebiet und des nun 
schon bald zehn Jahre währenden Kamp- 
fes um ihre Erhaltung braucht hier nicht 
noch einmal erzählt zu werden. Abriß 
oder Privatisierung heißen die Alterna- 
tiven, die von den Eigentümern in letz- 
ter Zeit je nach Etragslage und Woh- 
nungsmarktsituation entwickelt worden 
sind. Wenig Beachtung findet bei den 
ins Auge gefaßten ‘Totaloperationen’ 
die Tatsache, daß die Bewohnbarkeit 
der Siedlungen und der vergleichsweise 
gute Wohnwert im Wohnungsumfeld in 
vielen Fällen nur durch Initiative der 
Bewohner aufrechterhalten werden 
konnte, da die Eigentümer aufgrund an- 
derweitiger Anlagemöglichkeiten ihrer 
Instandsetzungsverpflichtung — wenn 
überhaupt — nur zögernd nachkamen. 
Unterhaltungsmaßnahmen in Selbsthilfe 
und Kostenübernahme sowie der aktive 
Gebrauch der Gärten (Obst- und Gemüse- 
anbau, Kleintierhaltung, Aufenthaltsbe- 
reich zur Erweiterung der begrenzten 
Wohnfläche) haben zu einer „Aneignung 
ohne Eigentumsrechte”‘ durch die Be- 
„Wohnen und Arbeiten im Revier”; ein Beispiel: Die Siedlung Felicitas in Dortmund 1975 und 1978“ 
An
	        
Waiting...

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.