Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 55, 1899)

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lichem und eifrigem brieflichem Verkehr mit ihm stand. Er war 
ein edler, ideal und gross angelegter, wohlmeinender, gerader, freier 
und ebenso feuriger, wie gefühlvoller Charakter‘. Hoch begeistert 
für sein deutsches Vaterland spielte er Jahre lang, bis Mitte der 
80er Jahre, eine bedeutende politische Rolle als Vorstand der 
deutsch-nationalen Partei in Tübingen, wo er sich voll Mut, im Ver- 
trauen auf sein’ edles Ziel und seine Beredsamkeit in die Meute von 
Volksversammlungen stürzte, was er aber schliesslich döch satt be- 
kam, namentlich in dem dortigen sehr ungünstigen Boden. Mehr 
Befriedigung fand er in der Wissenschaft und seinem Beruf, wo er 
sich nur zu wenig Schonung gönnte. In seinem Wissensdurst hörte 
er noch vor einigen Jahren verschiedene Vorlesungen seiner Kollegen, 
z. B. von Quenstedt 1887/88, und ging mit Jürgensen auf die poli- 
klinische Praxis, um für den Fall einer Mobilmachung seinem Vater- 
lande wieder als Arzt dienen zu können. Sein Ideal war ein Land- 
leben, fern vom Jammer der Welt, ganz der Wissenschaft hingegeben, 
so wie es Darwin führte, und der Ankauf eines Landguts am Bodensee 
war wohl schon ein erster Schritt dazu, nur seine Liebe zum Lehren 
hielt ihn davon noch zurück. Frei in der freien Natur sich von Zeit 
zu Zeit herumzutreiben und zu beobachten, war ihm ein Bedürfnis; 
dazu war er auch Jäger, Gärtner, Landwirt und Reisender. Dann 
konnte er aber auch wieder ein lustiger, alles belebender Gesellschafter 
sein, ‚besonders unter den Studierenden: jung unter den Jungen. 
Sein gerades, offenes, freies Wesen, in dem er hoch wie nieder 
begegnete, und oft recht scharf „dreinfuhr“, schuf ihm manchen 
Gegner, aber noch mehr Freunde; wer ihn näher kannte, wusste 
wie es gemeint war. Im Bewusstsein, manchmal zu weit gegangen 
zu sein oder zu wenig gethan, etwas versäumt zu haben, je nach 
Stimmung und Laune, war er stets bereit, zu verzeihen und selbst 
um Verzeihung zu bitten. Mehr Gefühls- als Verstandesmensch, gab er 
Vertrauen gegen Vertrauen, Freundschaft gegen Freundschaft, bewies 
er sich ebenso dienstfertig als dankbar. Wohlwollend gegen jedermann 
war er namentlich stets bereit, offen und unter der Hand zu helfen, wo 
es Not that, insbesondere auch Studierenden und seinen Untergebenen. 
So müssen wir ihm nachrufen: Unserer besten einer ist dahin- 
geschieden, für uns und die Wissenschaft viel zu früh, in Vielem ohne 
Aussicht, je ersetzt zu werden! 
1 Dies zeigt sich auch in seinen, nach seinem Tod als Manuskript ge- 
druckten, feinsinnigen Gedichten.
	        

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