Objekt: Plan-Fragmente aus der deutschen Dombauhütte von Prag in Stuttgart und Ulm

wand nicht lange vor Einsturz bewahren können. Für jeweils paarweise Ausführung des 
Strebewerks liefern denn auch die Baurechnungen genügend Anhaltspunkte [54)]. 
Daraus ergibt sich, daß die zwei westlichsten Strebebögen an der Südseite gleichzeitig sind 
mit dem entsprechenden Paar an der Vordseite. Entwicklungsgeschichtlich bleibt trotzdem 
jener nordwestlichste Strebebogensatz der älteste, welcher auf dem Wiener Querschnitt 
dargestellt ist. Er ist sozusagen eine Versuchsform. Für die weniger wichtige Vordseite 
sind übrigens auch am Dome zu Röln einfachere Formen gewählt worden. Zier darf solcher 
Unterschied zwischen VNord- und Südseite gleichfalls nicht als zeitlich-stilistisches Nachein— 
ander gedeutet werden [155]. Zwischen mehr oder weniger wichtigen Ansichtsseiten wurde bei 
Dombauten der Sotik allgemein recht deutlich unterschieden. 
Bis auf den Krabbenschmuck der Bogengrate, die Paßreihen in ihren Kehlen und die Bogen— 
verschneidung am mittleren Pfeiler stimmt das Strebewerk des Wiener Querschnitts mit 
dem an entsprechender Stelle ausgeführten zunächst einmal überein. Daß der wohl nur dekora— 
tiv gemeinte Wasserspeier des unteren Bogens vom Mittelpfeiler am Bau wegblieb, ist ebenso 
als Verbesserung aufzufassen wie das weitgehendere Einschneiden der Profile des oberen Bogens 
am Bau. Andererseits geben Plan und Ausführung noch jenen niedrigeren Sattel der äußeren 
pfeilerwand, welcher zugunsten eines verbesserten Flachsystems der Bögen am Obergaden 
schon im nächsten Jochpaar erhöht worden ist. Daß am Bau allein der nordwestlichste Strebe— 
bogensatz keine Paß- und Krabbenverzierungen aufweist, obwohl sie der Wiener Plan auch 
für diesen Satz vorsieht, dürfte mit jenen notdürftigen Erneuerungen nach dem großen Dom— 
brand von 154) zusammenhängen, deren vereinfachende Tendenz sich auch an anderen West— 
teilen des Parlerbaues nachweisen läßt. Der Wiener Riß ist ferner als Beleg für eine Galerie 
längs des oberen Triforiums wertvoll, die Peter Parler hier offenbar nach kölnischem Vor— 
bild ausgeführt hat. Durch die nach )54) angelegten Rapellenpultdächer ist diese Galerie zerstört 
worden. Ansatzreste ihrer Brüstung wurden im 19. Jahrhundert ganz entfernt. Der Wiener 
Riß ist also unmittelbarer Planentwurf für jenen nordwestlichen Strebebogensatz des Zoch— 
chores, der im Sommer 1373 fertig dastand. Auf die wesentlich verschiedenen Proportionen im 
Obergaden des Risses wird noch hinzuweisen sein. Verbesserungen des Entwurfes ergaben sich 
dann wohl schon bei der übertragung solcher Planvorlage auf den großen Reißboden. Bei diesem 
Vorgang wurde ein weiteres Kölnmotiv nicht, wie die Brüstung am zweiten Triforium, wei— 
tergebildet, sondern ganz ausgeschieden: Der Kamm aus einer Reihe von Maßwerkpässen, 
welcher in Köln über die Grate der zwei oberen Bögen läuft. Im Wiener Plan ist solcher 
Kamm noch so hoch wie in Röln, nur ohne Maßwerkfüllung eingetragen. „Planbearbeitung“ 
also noch im Stadium der Ausführung. Das ergibt sich nicht nur aus einem Vergleich der 
Obergadenzonen, sondern auch des Bereichs der Arkaden und Rapellen. Der Wiener Plan gibt 
für das Fenster der Sigismundkapelle noch ein Profil mit hochgezogenem Rernstück an, das 
dem der Chorschlußkapellen des Meisters Mathias, aber auch kolnischen Profilen entspricht. Am 
Bau selbst erscheint da jedoch schon ein ausgesprochenes Parlerprofil [560]. 
Nun läßt sich auch das Verhältnis des Stuttgarter Fragmentes zum Wiener Plan genauer 
bestimmen. Das Fragment bringt nämlich schon jenes, für die Ausführung gewählte Fenster— 
profil, welches eben genannt worden ist. Die Stuttgarter Meisterreplik muß also jünger sein 
als der Wiener Plan. Die Stuttttarter Replik entstand in jener Zeit um 1372, als die Fenster—
	            		
form der Sigismundkapelle endgültig festgelegt werden mußte. Der Wiener Plan bezeugt, daß Peter Parler da zunächst das Profil nach den Fensterentwürfen seines Vorgängers über— nehmen wollte. Dabei spielte wahrscheinlich auch der Umstand eine Rolle, daß die Fenster— vprofile Kölns grundsätzlich ähnlich sind. Unmittelbar nach solchem Planentscheid im Wiener Huerschnitt — der Zeitunterschied kann hier nicht groß gewesen sein — verwarf aber Nieister peter solche Lössung. Mit gutem Grund. Denn erst das neue, ausgesprochen gmündisch⸗schwä⸗— zische Breitprofil, welches er dafür einsetzte, konnte jener betont unterspitzen Breitform des Fensters volle Wirkung sichern, welche den Zallencharakter der Joche im Bereich der Sigis— nundkapelle so glücklich unterstreicht. Im entsprechenden Joch der Südhälfte des Vorchores, in der Laurentiuskapelle, sicherte dann Neister Peter die gleich neue Fensterform in ihrer wand⸗ersetzenden Wirkung auch durch das gmündische Breitprofil. Der unterspitze Bogen des neuen Fensters brachte in beiden Fällen darum keine Senkung des Fensterscheitels mit sich, weil das nun in lichter Jochbreite aufgehende Fenster ihn wieder bis zur Unterkante der Kapellengalerie hob. Zur Zeit, als der Wiener Querschnitt entstand, war Neister Peter sich aber noch nicht über den oberen Abschluß dieses Fensters im klaren. Interessanterweise fehlt olcher Abschluß des Fensters aber nicht nur im Wiener Querschnitt, sondern auch im Stutt— garter Fragment. Also selbst zu einem Zeitpunkt, da die Entscheidung für das gmündische Breitprofil des neuen Fensters schon gefallen war, stand seine Gesamtform noch nicht end— gültig fest. In diesem Fall gestattet das überlieferte Planmaterial einmal unmittelbaren Ein— blick in die Art, wie in einer Dombauhütte stufenweise, in wiederholtem Anlauf gleichsam, bestimmte Schwierigkeiten noch bewältigt worden sind, während die Ausführung im ganzen schon in vollem Gange war. In der Tat war das beim Fensterbau der Sigismundkapelle auf— tauchende Problem so schwierig, daß es überhaupt nur durch ein Kompromiß gelöst werden konnte. Zatte sich doch Meister Peter hier durch den kurz vorher vollzogenen Ausbau des Treppenturmes am Nordaquerschiff, welcher die Zälfte des benachbarten Vorchorjoches ver— stellt, der Möglichkeit begeben, auch in diesem zweiten Joch der Sigismundkapelle das neue, zmündisch breite Fenster anzubringen. Wollte er hier also nicht auf solche Schmalfenster zu— eückgreifen, wie er sie von 1304 bis 66 bei der endgültigen Fassung der Wenzelkapelle an der Südseite des Vorchores notgedrungen hatte ausführen müssen, so blieb ihm nur noch zine Möglichkeit: das Breitfenster im zweiten, westlichen Joch zu halbieren. Für diese Lösung —öBV Solche Schwierigkeiten machen es verständlich, daß auch in der Stuttgarter Neisterreplik des Querschnittes die Entscheidung über die Breite bzw. Zohe gerade des Fensterpaares der Zigismundkapelle buchstäblich noch „offengelassen“ wurde. Die Unentschiedenheit über eine endgültige Lösung gerade an dieser Stelle wird auch durch einen „Fehler“ offenbar, welcher in beiden Rissen auftritt: Von oben her gibt der Schnitt durch die Außenmauer eine viel zu zroße Breite. Diese Schnittlinie wurde denn auch an der Stelle, wo der Fehler nicht mehr zu verbergen war, einfach abgebrochen. Aus dem Schwanken in der Frage des Fensterformats mußte sich ja zuletzt auch eine Unsicherheit selbst über die Mauerstärke an dieser Stelle er— zeben. Die Konsequenzen aus der EKinführung des neuen Parlerprofils für die Kapellenfenster sind also auch vom Autor der Stuttgarter Replik noch nicht ganz übersehen worden. Daß er selbst solchen Schnitt,fehler“ übernahm, bezeugt nochmals, daß die Replik in der Plan—
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