Volltext: Stuttgarter Ausstellungs-Nachrichten (1896, Bd. 1)

»* Stutktgarker Russtellungs-Nachrichten. ůæ 
gewerbevereins im Festsaale des Ministeriums des Aeußern 
ausgestellt und erregten das allgemeine Interesse in ganz außer— 
ordentlichem Maße. Schon am 20. Februar 1850 genehmigte 
König Wilhelm 1. die Einrichtung eines „Württembergischen 
Musterlagers“, in welchem musterhafte Erzeugnisse des in- und 
ausländischen Gewerbes Aufnahme finden sollten. Für die 
Einrichtung wurden 10000 fl., für die Verwaltung jährlich 
2000 fl. bewilligt. Der Zweck des Musterlagers sollte sein: 
„Den Behörden ein Bild von dem jeweiligen Stande der in— 
und ausländischen Industrie nach ihren wesentlichen Beziehungen 
zu gewähren, insbesondere aber dem inländischen Gewerbestande 
zur Kenntnis und Nachahmung musterhafter Stücke Gelegen— 
heit zu geben, und zugleich dem in- und ausländischen Handels— 
stande von den tüchtigen Gewerbeerzeugnissen des Landes 
Kenntnis zu verschaffen und hierdurch dem letzteren zu Absatz— 
wegen zu verhelfen.“ Damit war die Grundlage des gewerb— 
lichen Musterlagers geschaffen. 
Die noch im selben Jahre abgehaltene Leipziger Aus— 
stellung bot Gelegenheit zu weiteren Anschaffungen. Zur Unter— 
bringung der so vermehrten Sammlung, sowie der Kanzleilokale 
der Zentralstelle wurden die nötigen Räumlichkeiten in der 
Legionskaserne abgetreten. Die zu Ankäufen auf der Universal— 
Industrie-Ausstellung in London 1851 zur Verfügung stehenden 
Mittel gestatteten eine Berücksichtigung sämtlicher Industrie— 
zweige Württembergs, wobei namentlich die Beschaffung von 
Mustern verbesserter Werkzeuge für kleineren Gewerbebetrieb, 
sowie von technischen und dekorativen Zeichnungen und Lehr— 
mitteln ins Auge gefaßt wurde. Gleichzeitig wurde eine 
Kollektion hervorragender Erzeugnisse der Beinwarenfabrikation 
und Korbflechterei, die DDr. Moriz Mohl auf einer Reise durch 
Frankreich erstanden hatte, der Sammlung einverleibt. All— 
mählich fand das Musterlager in immer weiteren Kreisen die 
ihm gebührende Würdigung. Die Zahl der Besucher stieg 
und manche wertvolle Stiftung von in- und ausländischen 
Industriellen floß der Anstalt zu. Mit regem Eifer wurden 
die Sammlungen ergänzt und vervollständigt. Dem bald sich 
fühlbar machenden Raummangel konnte zunächst durch Bei— 
ziehung und zweckentsprechende Einrichtung der Pferdeställe der 
Legionskaserne begegnet werden, sodaß sich auch die auf den 
Industrie-Ausstellungen in München 1854 und Paris 1855, 
auf den Weltausstellungen in London 1862 und Paris 1867 und 
anderwärts in dieser Zeit erworbenen Gegenstände noch unter— 
bringen ließen. In der Folge wurden aber diese Raumschwierig— 
keiten immer lästiger. Schon in dem oben genannten Werke, das 
m Jahre 18735 erschienen ist, wird die Hoffnung ausgesprochen, 
„daß insbesondere, was die Räumlichkeiten betrifft, bald eine erfreu— 
liche Besserung eintreten werde, nachdem aus derselben Instanz, 
welche ursprünglich die Räumlichkeiten der alten Legionskaserne 
benutzbar zu machen gewußt hat, ein Plan zu einem Umbau 
dieses Gebäudes hervorgegangen ist, welcher dasselbe in einen 
wahren Industriepalast verwandeln würde.“ 
Ueber zwei Dezennien sind ins Land gegangen, seit jener 
fromme Wunsch ausgesprochen wurde. Württembergs Gewerbe 
und Industrie haben sich in erfreulicher Weise entwickelt und 
hre Leistungen haben glänzende Triumphe gefeiert. Jenes 
Institut aber, auf dessen Rechnung ein großer Teil dieser 
Erfolge zu setzen ist, hat sich von Jahr zu Jahr, schlecht und 
recht im alten Hinterstübchen weiterbehelfen müssen. Auch das 
ist jetzt überstanden. In den herrlichen, weiten Räumen des 
neuen Landesgewerbemuseums wird sich unser Musterlager bald 
bvon seinen „Beengungen“ erholen und rüstig weiterwachsen 
und gedeihen zu Nutz und Frommen unseres einheimischen 
Gewerbes. Sein edelster und sein jüngster Schützling, das 
Kunstgewerbe und die Elektrotechnik, werden ihm bei feinem 
Einzug in das neue Heim den Willkommgruß bieten und ganz 
Württemberg wird seinen Eintritt segnen und der großen Dienste, 
die es der Industrie und dem Gewerbe, dem Handel und dem 
häuslichen Leben geleistet, eingedenk, ihm die besten Wünsche für 
die Zukunft entgegenbringen. Möge unser Landesgewerbemuͤseum 
in den wenigen Jahren, die es unoch von seiner 30jährigen 
Jubelfeier trennen, weiter erstarken, um an der Wende des 
Jahrhunderts ein ehrendes Zeugnis abzulegen für schwäbischen 
Fleiß und schwäbische Arbeit, um schwäbischem Wissen und 
Können für alle Zeiten als leuchtendes Beispiel vporanzufchreiten! 
Deutsche Landwirkschafts-Ausstellung 
zu Htuttgart-Cannstatt 1896. 
ne der Hauptaufgaben, welche sich die Deutsche Land— 
wirtschafts⸗Gesellschaft gestellt hat, ist die Veran— 
ttaltung jährlicher Wanderausstellungen mit Preis— 
ausschreiben für Tiere, landwirtschaftliche Erzeugnisse, 
Heräte u. s. w. Die erste dieser Wanderausstellungen fand 
m Jahre 1887 in Frankfurt a. M. statt, die folgenden in 
den Staͤdten Breslau, Magdeburg, Straßburg, Bremen, Königs— 
»erg i. Pr., München, Berlin, Koͤln. Als Ort für die 10. Aus— 
tellung wurde Stuttgart-Cannstatt ausersehen, für die 11. und 
2., mit welch letzterer der erste Rundgang der Wanderaus— 
tellungen durch Deutschland abschließt, sind Hamburg und 
Dresden in Aussicht genommen. 
Die Deutsche Landwirtschafts-Ausstellung zu Stuttgart— 
Cannstatt 1896 wird in Verbindung mit der diesjährigen 
Wanderversammlung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft 
uinter dem Präsidium Seiner Königlichen Hoheit des Herzogs 
Wilhelm von Württemberg in den Tagen vom 11. bis 15. Juni 
auf dem Cannstatter Wasen abgehalten. Die zahlreichen An— 
neldungen von Ausstellern beweisen, daß das Interesse, welches 
die Landwirte Deutschlands diesen Veranstaltungen bisher 
entgegengebracht haben, nicht nachgelassen hat. Die diesjährige 
Ausstellung wird in allen Teilen gut besetzt sein, in einigen 
ille vorangegangenen Ausstellungen an Umfang übertreffen. Zur 
Ausstellung gelangen: 391 Pferde, 1274 Rinder, 204 Schafe, 
504 Schweine, 211 Ziegen, ferner Geflügel, Kaninchen, Bienen, 
Fische, alle Arten landwirtschaftlicher Erzeugnisse, wie Samen, 
Braugerste, Hopfen, Wein, Butter, Käse u. s. w., weiter 
Zandelsdünge- und Handelsfuttermittel, Darstellungen der 
Landeskultur und über 3000 Maschinen und Geräte. Zur 
Anterbringung dieser zahlreichen Objekte sind nicht weniger 
als 115 Schuppen, Zelte und sonstige Gelasse erforderlich. 
Der Ausstellungsplatz, der, an der König Karlsbrücke beginnend, 
ich am Ufer des Neckars entlang hinaufzieht, ist von einer 
Umzäunung in der Gesamtlänge von über zwei Kilometer um— 
zeben. Die Bauarbeiten haben in den letzten Tagen über— 
raschende Fortschritte gemacht und werden ohne Zweifel recht— 
zeitig beendigt werden können. Fast sämtliche Bauten sind 
inter Dach, viele nahezu vollendet. Die Anlagen des württem— 
»ergischen Obstbhauvereins ergeben schon jetzt ein überaus an— 
nutiges Bild; sie werden gewiß einen der anziehendsten Punkte 
der Ausstellung bilden. Es sei noch erwähnt, daß außer dem 
Haupteingang, der sich an der neuen, auf Cannstatter Seite 
»on der Karlsbrücke abzweigenden Wernerstraße befindet, noch 
ein von der Karlsbrücke her direkt erreichbarer Nebeneingang 
ingelegt wurde. Die Eröffnungsfeier findet am Donnerstag, 
den 11. Juni, mittags 12 Uhr, statt. Mit dem Richten und 
Prüfen der Objekte wird am 10. Juni begonnen. Die Ver— 
ammlungen und Sitzungen der Deutschen Landwirtschafts— 
Sesellschaft beginnen am 9. und endigen am 15. Juni. Für 
die Tage vom 10. bis 13. Juni sind verschiedene Abend— 
interhaltungen, für die Zeit vom 14. bis 16. Juni Ausflüge 
n die Umgebung Stuttgarts geplant. Karten, die zum ein— 
naligen Eintritt in die Ausstellung berechtigen, kosten für den 
ersten Tag 3 Mark, für den zweiten und dritten Tag 2 Mark, 
ür den vierten und fünften Tag 1 Mark. Außerdem werden 
Dauerkarten für Mitglieder der Deutschen Landwirtschafts— 
Sesellschaft zu 3 Mark, für Nichtmitglieder zu 10 Mark, für 
die Damen und Angehörigen der Mitglieder und der Inhaber 
»on Dauerkarten zu 3 Mark abgegeben. 
Die vielfachen Beziehungen, welche die Landwirtschaft mit 
Industrie und Gewerbe, mit dem öffentlichen und privaten Leben 
—AV 
zemeine Interesse. Es kann daher auch keinem Zweifel unter— 
iegen, daß diese Ausstellung nicht nur auf Fachleute, sondern 
auf Angehörige aller Berufsklassen und namentlich auch auf 
die Besucher der Stuttgarter Elektrizitäts- und Kunstgewerbe— 
Ausstellung eine starke Anziehungskraft ausüben wird. Die 
Stuttgarter Ausstellungs-Nachrichten werden daher der Wander— 
zusstellung der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft eine 
»esondere Festnummer widmen, worauf wir unsere Leser schon 
jeute aufmerksam machen wollen. 
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