Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 73, 1917)

NIX 
abziehenden Lesna entwässert wird. Die Bodenformation gehört 
ausschließlich dem Diluvium an. Sande wechseln mit Lehmlagern und 
Geschiebemergeln. Wo Lehm liegt, neigt der Boden stark zur Ver- 
nässung und Sumpfbildung. Weite Strecken, namentlich den Flüssen 
entlang, sind von Mooren bedeckt. 
Mit Ausnahme der ganz trockenen Sandrücken und der versumpften 
Niederungen ist der Boden dem Baumwuchs sehr zusagend. Den 
größten Teil des Waldbestandes bildet die Kiefer, die in ihrer An- 
passungsfähigkeit von den trockenen Höhenrücken bis in die versumpften 
Gebiete sich ausdehnt, wo sie äußerst langsam wüchsige Krüppelbestände 
bildet. Während Lärchen und Weißtannen fehlen, scheint sich die Fichte 
in der Gegenwart auf Kosten der übrigen Hölzer auszubreiten. In ihrer 
ausgedehnten Beteiligung am Jungholz, wobei sie oft reine Bestände 
bildet, liegt für die übrigen Bäume die Gefahr, von der Rottanne ver- 
drängt zu werden, Mit Ausnahme der Rotbuche, die schon in West- 
polen ihre Ostgrenze erreicht, durchsetzen den Urwald fast sämtliche 
deutsche Laubhölzer. Mehrhundertjährige Eichen von 30 m Höhe und 
nahezu 1 m Durchmesser sind keine allzugroße Seltenheit. Bei der 
Fülle stattlicher Hochstämme überrascht der Wald durch wunderbare, 
weite und hohe Hallen, getragen von mächtigen, gleichmäßig nach oben 
sich verjüngenden‘ Säulen, wobei alle, auch die in unsern Wäldern breit 
ausladenden Eichen und Linden sich bestreben, in astfreiem Wuchse 
senkrecht in die Höhe zu gehen und den Fichten an Gestalt es gleich 
zu tun. Bei dem geringen Bestand an Sträuchern fehlt darum der 
Bialowieser Heide zumeist auch das, was wir uns unter dem Begriff 
eines‘ Urwaldes vorstellen; aber in abgelegenen Teilen am Narew, wo 
auf sumpfigem Boden mannshohe Nesseln mit Schilf und Holzgestrüpp 
zu einer dichten Sumpfwildnis sich zusammenschließen, trifft die Be- 
zeichnung zu. 
Die trockenen, sandigen, mit Kiefern, Heidekraut und harten 
Riedgräsern bewachsenen Bodenwellen und der Sumpfwald mit den Erlen 
bilden die beiden Extreme, zwischen denen das Leben der Land- 
schnecken sich abspielt. Der spröde Sandboden weist die Tiere ab; 
Steingetrümmer, das von den Schnecken gerne als Unterschlupf benützt 
wird, fehlt; die Deckung wird ausschließlich von der Pflanzenwelt ge- 
stellt: Mulm, Moos, Nesseln, Gräser, Bäume. Vor allem das in allen 
Graden der Vermoderung begriffene, den Weg des Sammlers versperrende 
Fallholz mit seiner gelockerten Rinde bildet eine weitreichende Unter- 
lage für die Schnecken, der gegenüber alle übrigen Standorte, wie die 
Nesselbestände für Kulota fruticum mit Succinea putris und der Mulm 
für das Kleinzeug, zurückstehen. Auch außerhalb der. Waldes, auf den 
Wiesen, bieten alte Holzstücke die einzige Möglichkeit, Vallonien und 
Pupen zu sammeln. 
In der Urwaldfauna nehmen die Wasserbewohner einen großen 
Umfang ein. Ihr Reichtum an Einzeltieren hat im Walde kein Gegen- 
stück. Ihnen kommt es zugute, daß die Kultur das Gelände nicht ent- 
wässert und die Industrie das Lebenselement nicht vergiftet hat. Ein 
differenzierender Einfluß kommt der Bewegung des Wassers zu; insofern
	        

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