Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 74, 1918)

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der Anatom OsrkArR HertwiG in Berlin) den Schluß abgeleitet, daß 
die von DArRwırN aufgestellte Lehre von der Zuchtwahl (Selektion) nicht 
mehr berechtigt sei. Der Vortragende bestreitet diese Meinung. Er 
sprach zuerst von der MEnDEL’schen Regel und zeigte, daß eine Zucht- 
wahl bei dieser merkwürdigen Vererbungsweise sehr klare. Wirkungen 
ergibt. Sodann behandelte er die fluktuierende, d. h. die kontinuierlich 
zu den Eltern überleitende Variation, und legte dar, daß sie in manchen 
Fällen nur auf solchen Unterschieden beruht, die sich nicht vererben, 
z. B. auf verschiedener Ernährung, in anderen Fällen aber nur auf 
erblichen Unterschieden. In letzteren Fällen hat die Selektion auch 
gine deutliche Wirkung, und die gegenteilige Behauptung mancher 
Forscher (JoHANNSEN, OsKAR HurrtwıieG) beruht auf einer Verwechslung 
der erblichen und der nichterblichen Unterschiede, wie sie bei Versuchen 
mit Bohnen sehr leicht . möglich ist. Der Vortragende erläuterte die 
Wirkung der Zuchtwahl durch die in Lichtbildern dargestellten Versuche 
an Ratten. Er wies mehrere Versuchsreihen von zahmen schwarzen 
Ratten vor, die weiße Bauchflecken von verschiedener Größe haben. 
Wählte er diejenigen zur Nachzucht aus, welche große Bauchflecken 
besitzen, so hatten die Nachkommen ebenfalls große Flecken; wählte 
er andererseits diejenigen mit den kleinsten Flecken aus, so fiel die 
Nachkommenschaft fast ganz schwarz aus. Die Wirkung der Selektion 
ist auch theoretisch vollkommen klar, denn sie läßt sich ableiten aus 
der modernen Theorie der Vererbung, welche die Kernstäbchen (Chromo- 
somen) als die Träger der Vererbung betrachtet. Kine sichtbare Eigen- 
schaft kann von einem einzigen Chromosomenpaar abhängig sein, in 
welchem Fall bei der Kreuzung die obenerwähnte MEnnxgyL’sche Regel 
sich zeigt; oder sie kann auf mehreren Chromosomenpaaren beruhen 
(Fall der sogen. Homomerie), woraus bei der Kreuzung in der zweiten 
Generation das Bild der fluktuierenden Variation sich ergibt. Die 
Wirkung der Selektion läßt sich also in allen Fällen aus der Chromo- 
somentheorie erklären, welche den größten Fortschritt auf dem Gebiete 
der Vererbungslehre bedeutet. Ziegler. 
An den Vortrag schloß sich eine Erörterung, an der sich besonders 
Sanitätsrat Dr. Weinberg, Rektor Dr. Mäule, Prof, Dr. Tischler 
(Hohenheim) und der Vortragende beteiligten. 
Weiter legte Prof. Dr. Sauer einige aus Kupfer und Messing 
hergestellte deutsche Kriegsmünzen aus Ostafrika vor und besprach 
die Geschichte und erschwerenden Umstände ihrer Entstehung. Zum 
Schluß legte Pfarrer Theurer-Degerloch einige Petrefakten aus den 
Thalassitenbänken am Sonnenberg bei Möhringen vor und forderte dazu 
auf, das dortige Vorkommen eingehender zu untersuchen.
	        

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