Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 75, 1919)

Il. Sitzungsberichte, 
Hauptversammlung am 27. Juli 1919 zu Stuttgart. 
Prof. Dr. W. Gmelin: Was verlieren wir an Deutsch-Süd- 
westafrika? (Mit Projektion von ca. 60 Originalaufnahmen.) 
Nach Nr. 119, 120 u. 257, Abs. 1, 2 u. 3 der Friedensartike] 
haben wir auf unsere überseeischen Besitzungen, also auch auf Deutsch- 
Südwestafrika, ohne jede Entschädigung oder Anrechnung auf die Kriegs- 
entschädigung Verzicht zu ‚leisten. Der Mandatarmacht — und als 
solche ist bereits die südafrikanische Union bestellt — fallen 
sämtliche Einrichtungen der Verwaltung, ihre Versuchsfarmen-, Vieh-, 
Schaf-, Straußenzuchtfarmen, Gestüte, Tabakplantagen und eine un- 
geheure Fläche an besiedelungsfähigem Regierungsland in den Schoß. 
Ferner bleibt es ganz dem Ermessen der Mandatarmacht überlassen, 
ob und welche deutsche Ansiedler in der Kolonie bleiben, und ob 
in Zukunft Deutsche sich in der Kolonie niederlassen und arbeiten 
dürfen. Damit ist der aufgelegte Raub und die künftige Recht- und 
Schutzlosigkeit des Deutschen kodifiziert und es heißt, sich damit ab- 
finden. Wir würden uns innerlich noch eher damit abfinden, wenn nicht 
Lloyd George den Raub damit begründet hätte, daß er sagt, wir 
verständen nicht zu kolonisieren und verständen insbesondere nicht 
die Eingeborenen zu behandeln. Wenn der führende englische Staats- 
mann mit Zustimmung seiner Regierung vor der ganzen Welt diese 
Behauptung aufstellt, so haben wir die Pflicht, unter Beiseitesetzung 
von Leidenschaft und Haß, uns die Frage vorzulegen: War es wirklich 
so, daß wir schlecht kolonisiert haben? Und mit Ihnen heute noch- 
mals unsere kolonialeArbeitinDeutsch-Südwestnachihrem 
Stand unmittelbar vor dem Kriegsausbruch prüfend an 
uns vorübergehen zu lassen. das ist der Zweck der heutigen 
Stunde, 
Die Erschließung und Besiedlung von Südwest ist wohl 
eine der schwierigsten kolonisatorischen Aufgaben, die 
die Geschichte einem Volk zugewiesen hat. Die Engländer haben sich 
wohl gehütet, sie anzufassen, ehe sie nicht im übrigen Südafrika Herr 
waren, Am Wunsch und Verlangen nach dem Besitz hat es sicherlich 
nicht gefehlt. Von den politischen und finanziellen Schwierigkeiten ganz
	        

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