Full text: Jahreshefte des Vereins für Vaterländische Naturkunde in Württemberg : zugl. Jahrbuch d. Staatlichen Museums für Naturkunde in Stuttgart (Bd. 77, 1921)

VI 
Sitzung am 11. April 1921. 
Dr. Hans Krieg: Untersuchungen über das Zustande- 
kommen der Fellzeichnung bei den Säugetieren. 
Die Begriffe der Pigmentbildung und Pigmentausbreitung 
stellen Probleme dar, welche im wesentlichen ungelöst sind. Sie sind 
eng miteinander verknüpft. Die Frage, ob das Pigment im epithelialen, 
oberflächlichen Teil der Haut, der sogenannten Epidermis, entsteht, oder 
im bindegewebigen Teil, dem Corium, ist trotz vieler Untersuchungen 
nicht einwandfrei entschieden. Es kommt in beiden Schichten vor und 
vermag sich aller Wahrscheinlichkeit nach in beiden selbständig zu bilden. 
Immerhin muß mit der Möglichkeit des gelegentlichen Übertretens von 
Pigment von der einen Schicht in die andere gerechnet werden. 
Das Pigment, d. h. eine feine Körnelung, deren Farbe verschieden 
sein kann, ist entweder in besonderen, verästelten Zellen, den Pigment- 
zellen, enthalten, oder es findet sich in den gewöhnlichen Zellen, welche 
in ihrer Gesamtheit die untersten Lagen der Epidermis darstellen. 
Bertrand hat bei Pflanzen ein Ferment (Tyrosinase) gefunden, 
Jurch dessen Einwirkung auf gewisse, Tyrosin enthaltende, Zellen aus 
diesem letzteren eine farbige Substanz, ein Melanin, erzeugt wird. Bei 
den Schmetterlingen fand Biedermann analoge Verhältnisse und ganz 
ähnliche Beobachtungen sind später von Cum@xor an Mäusen gemacht 
worden. 
Auf Grund derartiger Befunde hat man eine für die analytische Be- 
arbeitung der Probleme der Pigmentbildung und Pigmentausbreitung sehr 
nutzbringende Hypothese, die Chromogen-Ferment-Hypothese, aufgestellt. 
Diese Probleme sind hier nicht näher zu erörtern. Wir sind voll- 
kommen berechtigt, mit den Tatsachen der Pigmentbildung und Pigment- 
ausbreitung begrifflich zu operieren. Wir sehen in ihnen Phänomene, 
deren ursächliche Grundlagen wir in diesem Zusammenhange nicht zu 
untersuchen haben. 
Während die Pigmentbildung ohne weiteres als Tatsache gelten 
muß, kann man über die Notwendigkeit der Annahme einer Pigment- 
ausbreitung vielleicht verschiedener Ansicht sein. Diese Annahme ist 
jedoch berechtigt; so kann man beispielsweise an jungen gescheckten 
Tieren nicht selten eine relative Zunahme der pigmentierten Gebiete 
gegenüber den pigmentfreien beobachten. Außerdem scheint mir diese 
Berechtigung auch aus gewissen Erscheinungen hervorzugehen, die m. E. 
als Stauungserscheinungen eines Ausbreitungsvorganges aufzufassen sind. 
Es sei beispielsweise auf die dunkeln Zonen hingewiesen, welche bei 
sehr vielen Cavicorniern, besonders bei Antilopen und Ziegen, und bei 
Cerviden (Edelhirsch!) sich überall dort vorfinden, wo pigmentierte Fell- 
teile gegen weiße sich abgrenzen. Hierher gehören die dunkeln Flanken- 
streifen der Antilopen und die dunkle Umrandung des sogenannten 
„Spiegels“ bei den Hirschen. Auch der schwarze Längsstreifen, welcher 
bei vielen Tieren (Hunden, Tigerpferden) der Bauchmitte entlang ver- 
läuft, dürfte so aufzufassen sein, 
Jahreshefte d. Vereins f. vaterl. Naturkunde in Württ. 1921.
	        

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