Volltext : Wechselseitige Erhellung der Künste

OD „Erstarrte Musik“
1853 nannte die Musik eine flüssige Architektur (S. 313).
Als erster führte zu Beginn des Jahrhunderts Schelling in
seinen Jena-Würzburger Vorlesungen über Philosophie der
Kunst das Wort von der erstarrten oder konkreten Musik
bei der Betrachtung der Architektur in eine geschlossene
Darlegung wissenschaftlicher Aesthetik ein. Architektur ist
ihm Musik im Raume, Musik der Plastik. Auch Schelling
erinnert an den Mythos der Alten, allerdings nicht an Orpheus,
sondern an Amphion und an die Mauern der Stadt Theben.
Die Annahme läge nahe, daß Schelling auch diesen
ästhetischen Gedanken von Friedrich Schlegel übernommen
 habe. Wichtiger indes als diese Frage bleibt, ob
das Paradoxon überhaupt der Kunstwissenschaft etwas Festes
und Brauchbares in die Hand gibt. Ernst Meumann leugnete
 das in seiner Leipziger Habilitationsschrift unbedingt.
Seine „Untersuchungen zur Psychologie und Aesthetik des
Rhythmus“, die 1894 im 10. Band der „Philosophischen
Studien“ Wundts hervortraten und den Standpunkt Wundts
wahren, erblickten in dieser Wendung wie in vielen ähnlichen
 nur einen sinnlosen Wortmißbrauch (S. 12). Meumann
verdachte solchen Formeln überdies, daß sie zu verhängnisvollen
 Folgen führen. Weil sie gebildet werden können,
meine man, es müßten auch entsprechende sachliche Beziehungen
 zwischen den verschiedenen Kunstgebieten vorhanden
 sein. Diesem Irrtum verdanken wir, sagt Meumann,
ein beständiges Suchen nach Analogien, mit denen das Verständnis
 der Eigentümlichkeit der einzelnen Kunstgebiete
systematisch erschlossen werden Soll. Den gemeinsamen
Fehler aller dieser Analogiebildungen erkannte Meumann in
der Tatsache, daß an Stelle des verwandten Gefühlstones,
der gewöhnlich Anlaß zu jenen Wortbildungen gibt, eine
logische oder sachliche Verknüpfung der betreffenden Vorstellungs-
 und Empfindungsgebiete vorausgesetzt wird.
Ich möchte gegen Meumanns wohlerwogene und sehr
beachtenswerte Einwände nicht den Namen Goethe aus-
            
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