Deutscher
Urwald.
en unsere Phantasie in jene nebelgraue Ferne
schweift, wo der deutsche Boden noch seinem
Urzustande nüher war, dann denken wir
uins ihn gern nach Tacitus als einen fin—
teren Urwald, der von wüsten Sümpfen
ind träge sich hinschleppenden Wasser—
läufen unterbrochen wurde. Wir sehen
im Geist, wie in kurzer Sommerzeit die
norrigen Äste hundertjähriger Eichen sich
zu einem dichten Laubdach verschlingen,
wie daneben schlanke Birken und Eschen
nach Luft und Licht gen Himmel ragen,
und wie düsteres Erlengebüsch in den
ichmutzigbhbraunen Sumpfwassern üppig
wuchert. Oder wir sehen das weite und
wilde Waldgebiet in langer Winterzeit im
Banne kalter Nebel und starrenden Eises. Folgen wir etwa dem
VLaufe der Flüsse, so kommen wir zu den unwirtlichen Küsten tosender
Meere. Die wilde Nordsee droht das umspülte Tiefland zu verschlingen,
und noch niemand hindert sie an ihrem Raub; die ruhigere Ostsee zer—
nagt unaufhaltsam den Kreidefelsen Rügens. So großartig wie diese
Natur in ihrer Wildheit, so gewaltig ist ihr Tierleben. Der riesige
Wisent durchbricht das Dickicht, Elch und Bär sind seine starken Ge—
nossen, Adler und Reiher kreisen über den Sümpfen. — Jahrhun—
dertelanger Arbeit der in dieses Gebiet nach und nach eindringenden
Menschen bedurfte es, ehe sie der wilden Natur Herr wurden, ehe sie
in ruhiger Seßhaftigkeit einen großen Teil des Waldbodens in frucht—
baren Acker oder in Weideland verwandelt und die wilden Tiere ge—
nrügend weit verdrängt hatten; und dem treuen Schaffen früherer Ge—
chlechter dankten immer die kommenden den Segen ihrer Fluren. Heute
rinnern nur Orts- und Flurnamen an die einstige Beschaffenheit des
'andes und seine allmähliche Kultivierung. Da künden z. B. Namen
vie Harth, Hecke, Rod, Rödel, Loh, Holz, Isserode, Vollersrode, Gel—
nerode, Marienrode, Frankenrode, Neckerode, Braunsrode u. a. von
en ehemaligen Waldbeständen, wie die Namen Rieth, Brühl, See,
Teich, Weiher, Kalbsrieth, Schwansee, Frauensee u. a. von Wasser und
Zumpf. — Doch blieben trotz aller Kulturarbeit der Jahrhunderte immer
ioch riesige Wälder dem deutschen Lande erhalten; denn unsere Vor—
ahren wußten, welch wundersamen Schatz sie in ihnen besassen. Aus
hrem Schoße saugten sie gewissermaßen die unbezwingliche Kraft, mit
der sie später in Jugendfrische plötzlich auf den Schauplas der
Heschichte traten; in ihrem geheimnisvollen Dunkel empfanden sie die
Nähe der wohltätigen Gottheit, die im Säuseln des Laubes und im
Toben der Sturmnacht zu ihnen sprach. Kein Wunder darum, wenn
vir noch heute überall, wo wir wandern im deutschen Wald, den Eichen
Donars oder Wodans begegnen. Ja, der vom Thron gestürzte Gott
st noch immer nicht aus unseren Forsten gewichen. Seine Raben um—
liegen noch den wettergezeichneten Baum; „als wilder Jäger durch—
treift er einsam den Hag; im Sturm führt er die wütende Jagd durch
»en Bergwald, daß die Riesenbäume ächzen; und der Forst erbraust
ind schwankt und wallt wie ein aufgeregtes Meer, wenn die Moos—
ungfern, Wald- und Heidefrauen der Sage durch das Gebüsch fliehen“.
dein Wunder auch, wenn die deutsche Volksseele ihre Märchen am
iebsten um den deutschen Bergwald raukt. Da flüstert geheimnisvoll
zie Waldfee im dichten Geheg, und Zwerglein huschen hin zum voer—
teckten Hüttlein, wo Sneewittchen ihnen haushält
Heutscher Urwald.
Nach einer Driginalzeichnung von H. Bathst
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