den törichten Jungfrauen und dem verlorenen Sohne,
Heiligenlegenden und Allegorien. Wir können uns nur sehr
schwer eine Vorstellung davon machen, wie sehr bei diesen
Festen die Kirche ins Leben einer Stadt hinüberströmte, wie
sie Stadt und Bürgerschaft ihr Siegel aufprägte. Am ersten
mögen heute noch die Fronleichnamsfeste in alten katholischen
Städten daran erinnern. Dann sind die Straßen grüne
Birkenalleen, zwischen denen purpurne und blaue Tücher
aus den Fenstern hängen. Von allen Häusern wehen
Fahnen, an jeder Straßenecke steht ein Altar. Die Straßen
duften von Kalmus und Blumen, aus den offenen Domtüren
strömen die Weihrauchwolken, die Kinder laufen
herum mit weißen Kleidern und hellen Kränzen und die
alten Weiblein mit Immortellenkränzen um ihre geweihten
Kerzen. Die ganze Stadt spielt mit.
Aber es fehlt die gewaltige Einhelligkeit, die bei den alten
Mysterienspielen alles Volk verband. Was die Theater spielen
und die Buchhandlungen feilbieten, das ist heute aus einer
anderen Welt. Kalmus und Birken und Weihrauch verlieren
sehr schnell ihren Duft, und der fromme Buchhändler, der
in der Prozession die Fahne voranträgt, verkauft ein paar
Stunden später dem Herrn Studiosus Haeckels Morphologie
und Nietzsches Zarathustra. Die Oberammergauer Bauern,
die lelzten Nachkommen jener frommen Bürger, ziehen mit
ihren fronmen Passionsspielen nach Amerika und verhandeln
den Heiland noch einmal für ein paar Dollar.
DIE RELIGIÖSE BEWEGUNG
Man sagt wohl manchmal, das ganze Mittelalter sei religiös
bestimmt gewesen und christgläubig. Man sagt das oft mit
einem Seufzer des Bedauerns und der Erleichterung, daß es
nun nicht mehr so sei. Aber wenn man etwas genauer hinschaut,
so ist es ganz falsch. Und durch das ganze Mittelalter
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