Volltext : Gmünder Kunst der Gegenwart (Bd. 4)

GMÜNDER GLASPERLENARBEITEN

ine überraschend grosse Ausdehnung erfuhr im letzten Jahrzehnt im
Fesünder und Göppinger Bezirk eine alte bodenständige Heimindustrie
„Die Perlstrickerei“, die neuerdings nach jahrzehntelangem nahezu völligem
Erliegen zu neuem, starkem Leben wieder erblühte Gewiss sind die allermeisten
 Erzeuynisse des heutigen Perlstrickereigewerbes Handels- und Verkaufswaren,
 die den jeweils herrschenden Modeströmungen nach „Teppich-,
Blumen- oder Japanmustern“ in mehr oder minder guter Ausführung gerecht
 werden, aber andererseits liegen in dieser reizvollen, farbig stark
wirkenden Handarbeit künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten, die es berechtigt
 erscheinen lassen, ihrer in einem besonderen Abschnitt Erwähnung
zu tun und auch der historischen Seite in Kürze zu gedenken.
Die Hauptblüte war für die Gmünder Perlindustrie die Zeit der Romantik
 und Biedermeierei vor hundert Jahren. Ihr Entwicklungskeim dürfte
aber Jahrhunderte früher zu suchen sein, als durch die Gmünder Handelshäuser
 im Austausche mit den heimischen Goldschmiedeerzeugnissen Seide
und Baumwolle aus dem Süden zurückgebracht wurden, welche den Grund
aines ausgebreiteten Spinn- und Strickereigewerbes bildeten, in welchem
am Ende des 18. Jahrhunderts nach alten Berichten gegen 3000(*) Personen
aus Stadt und Land Verdienst gefunden haben sollen.
In den Nonnenklöstern fand die Pflege künstlerischer Handarbeiten
Stütze und Anregung, so dass neben der Anfertigung von Gespinsten aus
Baumwolle, das Stricken von Mützen, Strümpfen, Handtaschen gepflegt,
aber auch Schleierwirken, Seiden- und Goldstickerei auf Haubentlecken *),
Haubenböden und Kleidungsstücken hergestellt wurden. Die an Dokumenten
 Gmünder Gewerbetleisses reiche Jul. Erhardsche Altertumssammlung
 besitzt zahlreiche Stücke dieser weiblichen Kunstfertigkeit.
Durch das Aufkommen und die Anwendung der Maschinen am Anfang
des 19. Jahrhunderts war der Handarbeit der Baumwollgespinste der Boden
entzogen worden. Die Zurückdrängung der farbenfrohen Kleidung des
18. Jahrhunderts und der ländlichen Trachten entzog der Goldstickerei, die
unter Verwendung glänzender Metallscheibchen und bunter Glasperlen reizvolle
 Muster schuf, ein wesentliches Feld der Betätiyung.

*) Eine Ausstellung einer Musterkollektion von Haubenflecken aus der Zeit um 1820 aus dem
Besitze des Herrn Fabrikanten Julius Kucher konnte gelegentlich der Gmünder Glasperlenausstellung
 im Sommer 1923 gezeigt werden.
            
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