PROFESSOR WILHELM WIDEMANN
1856 1915
as 19. Jahrhundert war das Zeitalter der Technik, das mit seinen das
Da menschliche Dasein umwälzenden Erfindungen das Geistesleben
beherrschte. Beim Rückblick auf den künstlerischen Ertrag ist das
Ergebnis zwar nicht so gering, wie es von der stürmisch vordrängenden
[jugend yeschildert wird, aber in der Gesamtkultur Deutschlands von beschämend
kleinem Einfluss. Dies gilt insonderheit für die zweite Hälfte
des Jahrhunderts, in der eine beispiellose Entwicklung in wirtschaftlicher
und politischer Beziehung die Grundlagen scheinbar aufs günstigste bereitet
hatte. In der Geschichte der angewandten Kunst klafft von 1830
bis 19C0 ein Kiss, der zwar mit der zeitlichen Entfernung für die Zeit
les zweiten Rokoko und der Neugotik noch einen gewissen künstlerischen
Ertrag an Einzelwerken zutage fördert, für die Zeit nach dem siebziger
Krieg sich aber in einer immer rascheren Stilrekapitulation erschöpft, der
wir heute völlig verständnislos und ablehnend gegenüberstehen. Nicht
ıls ob es an tüchtigen Werkleuten gefehlt hätte; zweifellos begünstigten
lie Jahre 1870—90 die Wiedergewinnung technischer Ausdrucksmittel,
aber die Trennung des Kunstgewerbes in Zeichner und Handwerker, die
völlige Erlahmung der im Volke schlummernden künstlerisch schöpferischen
Naturkräfte hat in der äusseren Form einen pathetischen Überschwang
hervorgebracht, der in der Überfülle aufgeklebter Vorbilder aus
vergangenen Jahrhunderten künstlerischen Ausdruck erblickte, wo wir
Heutigen ödeste Scheinkultur und Maske sehen. Das hindert nicht, dass
nn den besten Leistungen beachtenswerte Technik, Routine verborgen
Hegt, der vielleicht eine spätere Zeit mehr Gerechtigkeit zuteil werden
lässt, als wir es heute vermögen.
Im Bauwesen unserer engeren Heimat bildet das 1896 vollendete Landesyewerbemuseum
Neckelmanns einen Höhepunkt dieser Epoche, ein Bau
voll stärkstem Pathos in unaufhörlichem Fortissimo des Schmucks, dessen
[Lösung aber weder städtebaulich sich eingliedert in die Strassenzüge Stuttzarts,
noch aus dem Zwecke der Aufgabe entwickelt wurde.
Alles ist in plastischen Schmuck eingekleidet; ein ungeheurer Reichtum
an ornamentalem und figürlichem Beiwerk breitet sich am Äussern und
im Innern des Baues aus, dessen Reichtum lange Zeit Unzählige blendete,
aber Ausstellungs- und Arbeitsräume, die es bieten sollte, birzt es nicht;
der dekorativen Wirkung ist die sachliche Aufgabe geopfert.