Volltext : Gmünder Kunst der Gegenwart (Bd. 4)

GMÜNDER KUNST DER GEGENWART

münd böte ein dankbares Feld, die Vererbungstheorie künstlerischer
Ch zu studieren. Die geschichtliche Entwicklung der Stadt
zibt dafür Beispiele und Zeugnisse genug und das Leben der Gegenwart
zeigt immer wieder aufs neue, welch erfreuliches Mass künstlerischen
Empfindens als freundliche Gabe der Vorsehung der Gmünder Bevölke-‚ung
 in den Schoss gelegt ist.
Das seit alters heimische Edelmetallgewerbe ist die Pflanzstätte solcher
Gesinnung; aber es hätte bei der im 19. Jahrhundert immer breiter gewordenen
 industriellen‘ Einstellung die Keimkraft des Bodens doch versiegen
 können, wenn nicht in dem Überragen der Handarbeit, selbst im
zrössten Betriebe, ein steter Bedarf an Kunsthandwerkern vorhanden gewesen
 wäre, deren Auffrischung durch auswärtige Kräfte die heimische
Quelle vor Stagnation bewahrte.
Es ist bemerkenswert, wie viel kunsthandwerklich durchgebildete Kräfte
an Stahlschneidern, Ziseleuren, Hammerschmieden und tüchtigen Goldschmieden
 in der kleinen Stadt sich zusammenfinden. In dieses Sammel-„ecken
 fliessen alljährlich die bestveranlagten Lehrlinge, so dass dadurch
3äne immerwährende Auslese bewirkt wird.
Aus diesem gesunden Mutterboden steigen wieder Kräfte auf, die über
las zünftige Handwerk hinaus zur Kunst berufen sind. Und es erscheint
ans besonders glücklich und als ein Zeichen von Gesundheit zu sein, dass
die Mehrzahl derselben diesem Mutterboden handwerklich durchgebildeter
Arbeit die Treue bewahren.
Der in hartem Existenzkampf gewonnene Aufstieg bewahrt vor falschem
Dünkel, führt nicht zur Unfruchtbarkeit auf sozialem und künstlerischem
Gebiete, wirkt vielmehr auf die Entwicklung des Handwerks günstig zurück.
Aus diesen örtlichen Verhältnissen heraus ist es auch verständlich,
dass die Veranlagung weit mehr plastisch als malerisch gerichtet ist, und
dass die Mehrzahl wirklicher Begabungen auf dem Gebiete der Plastik
liegt. Architektur und Malerei treten demgegenüber zurück, da es hiefür
in der Kleinstadt an den äusseren Entwicklungsbedingungen fehlt. Immerhin
 sind auch auf diesen Gebieten manch tüchtige Kräfte zu verzeichnen,
deren Tätigkeitsfeld freilich zumeist in die grösseren Städte verlegt werden
musste.
            
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