Full text : Plan-Fragmente aus der deutschen Dombauhütte von Prag in Stuttgart und Ulm

Stuttgarter Fragment Vr. 2: Grund- und Aufriß für ein
Kapellengrab; wahrscheinlich des hl. Adalbert im Dome zu Prag

Aus dem Pergamenteinband zum Sturhuch der Statt Stutgartt von j502 stammt das Stutt⸗
garter Fragment Vr. 2. Eine weitere Uberschrift auf dem Deckel (Anno 1515) ist ausgestri⸗
chen. Da sich die Zeichnung hier auf der Innenseite des zo,5 em breiten und so,s em hohen
Pergamentstückes befindet, ist sie besser erhalten als die Fragmente Vr. Ir und yv. ier hat
der Buchbinder das für den Einband quer gelegte Stück anscheinend vor allem oben be—⸗
schnitten. Aus der Rekonstruktion des Aufrisses wird sich ergeben, daß das Pergament ur⸗
sprünglich rund bo em hoch gewesen sein muß. Unten, am Grundriß, fehlt nur ein ganz kleiner
Teil. Befand sich nur die hier veroffentlichte Visierung auf dem Blatt, so kann der Buch⸗
binder dessen Breite nicht sehr verringert haben. Auch bei dieser Zeichnung kann es sich nur
um die Arbeit eines Planmeisters handeln. Alle Geraden sind gleichmäßig mit der Reiß—
ziehfeder ausgeführt; Baldachine, Krabbenwerk und Profile dann mit gröberer Rohrfeder
freihändig eingetragen. Insbesondere in der Giebelzone zwischen erstem und zweitem Geschoß
ist auf dem Original jene Vorarbeit mit dem Blindrillenstift deutlich erkennbar, die der Werk—⸗
meister Lorenz Lacher 15)6 in der „Underweisung“ an seinen Sohn blinden Ritßz nennt. Tafel IV
nibt das Fragment in der Zälfte der Originalgröße als Faksimile, Abb. 4 eine strichgetreue Kopie.
Grund und Aufriß gehören ohne Zweifel zusammen. Und zwar so, daß die dem Aufriß
zugekehrte zZälfte des Grundrisses im Aufbau dargestellt ist. Das unmittelbare Ineinander
von Grundriß und Aufzug des gotischen Baurisses, ein Ergebnis jener geometrischen Ent—
wurfsverfahren, die im zweiten Rapitel erwähnt worden sind, scheint hier aber durch
deutlich geschiedenes übereinander ersetzt. Diese Trennung ist jedoch nur ein Zinweis auf
die Art, wie solche Neisterreplik nach einem originaleren Entwurf zustandekam. Auch hier
mnachte die Replik ein Neister der Züttenkunst, der damit sich selbst, allenfalls noch einen
engen Kreis berufener Fachleute unterrichten wollte. Er hat recht rasch gearbeitet, erfaßte
dabei aber sicher und folgerichtig das EKigentümliche der Anlage. Auch auf diesem Fragment
sind darum dekorative Einzelheiten teils nur freihändig angedeutet, teils ganz weggeblieben.
Für den reichen Figurenschmuck sind nur die Orte festgelegt. Alle diese Stellen sind so auch
für eigene, spätere Bearbeitung buchstäblich offengehalten worden. In der abkürzenden Replik,
durch die vor allem Rlarheit über die Gesamtlage zu vermitteln war, durfte nun ein mit
Entwurfsregeln der Züttenkunst Vertrauter darum den untersten Teil des Aufrisses weg—
lassen, weil solche Regeln die Zohe des Weggelassenen schon durch die Stellung des Grund—
risses zum Aufriß deutlich machten. Zier geht also auch die Rekonstruktion sicher: Zütten⸗
gerecht „aus dem Grund genommen“, ergibt sich die Zohe ihres Sockelteiles aus dem Abstand
des äußeren, oberen Schräctpfeilerpvaares im Grundriß von der jetzitcten Abschlußlinie des
            
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