Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Mitteilungen der Kgl. Württemberg. Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1907, Bd. 2, Heft 1/12)

ür Bauplatz
und Werkstatt

Mitteilungen der Beratungsstelle für das Baugewerbe
herausgegeben von der Königl. Zentralstelle für Hewerbe und Handel

2. Jahrgang.

Stuttgart, Sebruar 1907. 10 Nummer 2.

Geschäftshäuser in

kleineren Städten.

n weiteres Beispiel eines Geschäfts⸗ und
Wohnhaufes für, kleinstädtische Verhältnisse
zeigt unser heutiges Titelbild und die Ab—
hildungen oben auf der nächsten Seite. Es
—
her Architekten Hummel & Sörstner errichtet
wurde. Das haus weist verschiedene inier—
essante Cigenheiten auf. Es ist auf einem Eckplatz von
annähernd trapezförmiger Gestalt errichtet. Die Bauflucht
an der Straßenkreuzung verläuft in einem spitzen Winkel.
Wäre diese Flucht genau ausgebaut worden, so hätte sich
reiner jener häßlichen „Bahnschlitten“ ergeben, die man
allerdings leider da und dort im Lande antreffen kann.
Um diese Mißgestalt
zu vermeiden, haben
die Architekten hier
auf die Tiefe des Eck⸗
aumes die Schmal⸗
eite senkrecht zur
Tangseite gebrochen.
Damit erzielten sie
eine ganz regelmä⸗
zige, rechteckige Form
des hauptraumes am
Eck und die Möglich⸗
zeit, die Aufgangs⸗
taffel zum Laden als
Freitreppe am Eck
auszubilden, ohne die
Bauflucht zu über—
chreiten und eines
ener vielverleumde⸗
——
aisse“ zu schaffen. Auf
der Langseite schließt
ich an die Wange
—V——
ꝛiserne Zaun des Vor⸗
zärtchens an. Der
First ist parallel zur
Cangseite gelegt und
die Schmalseite mit
breitem Giebel aus⸗
zebildet, ganz unbekümmert um den Knick in der Bauflucht,
vie wir es an vielen alten Beispielen auch ganz unbefangen
zemacht sehen. Ein Erker, der eben an dieser Bruchkante
m Obergeschoß ansetzt und ein Krüppelwalm am Giebel

oben mildern und vermitteln die Unregelmäßigkeit. — Die
ür den Laden bestimmten Räume sind durch große Rundogenfenster
 charakterisiert. Zur horizontalgsiederung ist
n höhe der Fensterbänke des Obergeschosses eine Gurt
hurchgezogen. Das weitausladende Dachgesims mit wag—
echter Unteransicht und kurzen Wiederkehren am Giebel
etont kräftig die Horizontale. Als Gegenwirkung ist die
angseite durch einen schmalen kleinen Querbau mit spitzem
biebel, an welchen die drei daneben gesetzten Dachaufbauten
inklingen, gegliedert. Auch die Dachausmittlung über dem
ingleich breiten Grundriß zeigt eine interessante Lösung.
Als weitere erfreuliche und nachahmenswerte Eigentümlichzeit
 des Baues ist zu erwähnen, daß er durch eine Malerei
mit figürlicher Dar—⸗
stellung über Eck im
Obergeschoß einen be⸗
sonderen Schmuck er⸗
hielt. Außer einfachen
Ornamentfüllungen
am Erker und einem
geschmiedeten HAus⸗
hängschild über dem
Cadeneingang sind
keine Schmuckformen
angebracht.
Die übrige Aus-—
führung ist ganz ein⸗
fach gehalten: ge⸗
putzte Flächen, far⸗
bige Fensterläden, ein
rotes Biberschwanz⸗
dach. Aber alle diese
einzelnen Momente
wirken zusammen,
um ein eigenartiges
und ausdrucksvolles
Bild hervorzubrin—
gen, das sich dem Ge⸗
dächtnis unwillkür⸗
lich einprägt. Jeder⸗
mann ist hier im—
stande, einem anderen
genau zu beschreiben,
wie das haus aussieht, in welchem er dies oder jenes
zaufen soll; eine Verwechslung ist hier ausgeschlossen, auch
wenn man die Firma dem Namen nach nicht weiß. So
ist das qjußere des Hhauses auch zualeich die vornehmste

Geschäfts-u. Wohnhaus in Aalen. Architekten: Hummel & Förstner,. Stuttaart.
            
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