Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Mitteilungen der Württemberg. Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1927, Bd. 22, Heft 1/12)

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stuttgart, Januar 1927

22. Jahrgang / Nummer 1
Doppelnummer

Die moderne Siedlung

Vortrag von Architekt Adolf Loos-Wien, z. Zt. Paris, gehalten auf Veranlassung der Württ.
Arbeitsgemeinschaft des Deutschen Werkbunds und der Beratungsstelle für das Baugewerbe, am
Freitag, den 12. November 1926, abends 8 Uhr. im Hause des Deutschtums in Stuttgart.

Meine verehrten Anwesenden!

Die Persönlichkeit des Architekten Adolf Loos ist
seit dessen erstem Auftreten in Wien im letzten Jahr—⸗
zehnt des vergangenen Jahrhunderts eine der meist um—
kämpften auf dem gesamten Gebiet der Architektur und
aller verwandten Gewerben gewesen. Wien war in jener
Zeit die Hochburg des Jugendstils. Die guten Kernideen
des Jugendstils wurden bald veräußerlicht und die Be—
wegung artete in eine tolle Jagd nach immer neuen
Druüamenten und Schmuckformen aus, die wie die Ein—
tagsfliegen kamen und gingen. Dem stellte sich Loos
als erster mit ganzer Macht und überzeugung entgegen.
Er hielt seine Aufsehen erregende Vorträge über „Orna⸗—
ment und Verbrechen“, schrieb und baute. Er stellte die
Materialschönheit in den Vordergrund und bemühte
sich, klare und sachliche Letztformen für alle Gebrauchs—
gegenstände an Stelle des Modischen zu setzen.
Er wurde angegriffen, verhöhnt, bestohlen und tot—
geschwiegen. Seine Werke in Wien aus dieser Zeit sind
heute noch vorbildlich. Sein „Café Museum“, sein Ge—
schäftshaus am Michaeler Platz, seine Villenbauten,
Läden, Wohnungseinrichtungen usw. sind merkwürdig
ungealtert und lebendig geblieben. Die Werke seiner
Widersacher sind meistens auf Anregung ihrer Schöpfer
berschwunden. Abbildungen davon wirken heute auf
uns grotesk und lächerlich.
Loos hat auf der ganzen Linie recht behalten. Wie
in seinen architektonischen Schöpfungen, so ist er im
Vortrag ein Meister der Geist-vollen Form; die Form
entsteht bei ihm als ein gewachsenes echtes Kleid des
Gedankens.
Heute kämpft er von Paris aus mit gleichem jugend⸗
lichem Schwung wie vor dem Krieg in Wien gegen alles
Gedankenlose und Äußerliche, und heute gehört hierzu
die geistlose, nur modisch glatte Form, die der guten
Tradition gegenüber ein Weniger bedeutet, anstatt mehr
zu sein. Aber heute wie damals ist er denjenigen in
seinen Gedankengängen unverständlich, deren Blick nur
eine Woche, einen Monat, ein Jahr vorauseilen kann,
so wie er vielen im Jahre 1900 unbegreiflich war, die
heute seine damaligen Ideen und Werke als etwas sehr
Selbstverständliches hinnehmen.

Ich möchte Ihnen vorerst folgendes sagen: Ich werde
iber Siedlung sprechen. Ich weiß nicht, ob sich das
janz mit dem deckt, was Sie unter Siedlung ver—
tehen. Von einem Stuttgarter Kollegen bin ich heute
n eine Siedlung geführt worden, die mit den Be—⸗
zriffen, die ich heute erörtern werde, sich absolut nicht
heckt. Was ich zu sehen bekommen habe, waren außer⸗
»rdentlich schöne Bürgerhäuser; was ich aber
zeute zu sagen habe, gilt der Wohnung des Arbeiters.
der an die Fabrik gebunden ist.
In den b6ber Jahren gab es einen menschenfreund⸗
ichen Arzt in Leipzig: David Schreber. Er fand, daß
s den Kindern der arbeitenden Klassen sehr schlecht
zing, und er meinte, die Eltern müßten sich zusammen—
un, vielleicht 10 bis 20 Familien, und müßten einen
leinen Rasenplatz außerhalb der Stadt mieten. Es
ollte ein Kinderspielplatz sein, und die Eltern müßten
im den Platz herum Hütten bauen, wo sie am Abend
ach getaner Arbeit zusammensitzen könnten, ohne in
jen entsetzlichen Quartieren des Elends ihre Abende
ubringen zu müssen, ohne daß der Mann von der
Familie weggetrieben wird und seine Abende im
Virtshaus verbringt. Das wurde getan. Nun, was
zeschah? Der Vater nahm den Spaten in die Hand,
tach in diesen Rasenplatz hinein, zerstörte die Spiel⸗
gelegenheit seiner Kinder und hat irgend etwas ange—
aut, Gemüse, oder einen Baum gepflanzt, aus einer,
venn Sie wollen, rein teuflischen Freude an der Zer—
törung. Er war so gemein, seinen Kindern den Spiel⸗
Alatz wegzunehmen. Da muß man sich fragen, von
velchen merkwürdigen Dämonen dieser Mann getrie⸗
»en wurde.
Jede menschliche Arbeit besteht aus zwei Teilen.
Nicht jede — ich habe falsch angefangen —, aber die
neiste menschliche Arbeit besteht aus zwei Teilen: Aus
der Zerstörung und aus dem Aufbau. Und je größer
der Anteil der Zerstörung ist, wenn gar die mensch—
iche Arbeit nur aus der Zerstörung besteht, dann ist
es wirkliche menschliche, natürliche, edle Arbeit. Der
Begriff des Gentlemans ist nicht anders zu erklären.
Fin Gentleman ist derijenige Mensch, der nur mit
            
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