Volltext : Für Bauplatz und Werkstatt / Monats-Zeitschrift der staatlichen Beratungsstelle für das Baugewerbe (Jg. 1933, Bd. 28, Heft 1/12)

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MONATS -ZEITSCHRIFT DER STAATLICHEN

Jährlicher Bezugspreis RM 3.40

Stuttgart, April 1933, 28. Jahrg., Nr. 4

Kirchenraumbeleuchtung mittels Deckenbestrahlung

Die künstliche Beleuchtung unserer Kirchenräume, vor allem
auch derjenigen, die uns als ehrwürdige Denkmale baugeschichtlicher
 Vergangenheit erhalten sind, erfordert erfahrungsgemäß
 die sorgfältigsten Erwägungen. Denn hier treffen
religiöse, raumkünstlerische Rücksichten und Gesichtspunkte
der Denkmalspflege mit technischen und wirtschaftlichen
Überlegungen zusammen.
Ordnet man die hier angeführten Punkte nach dem Grade
der ihnen beizugebenden Entscheidung, so ist gerade für
Kirchenbeleuchtung dem künstlerisch-religiösen Momente
einschließlich angewandter Denkmalspflege der Vorrang zu
geben. Gewiß, die technischen und wirtschaftlichen Ansprüche
müssen stimmen, und es wird sich auch leicht darlegen lassen,
daß sie durch die Deckenstrahlung einwandfrei und mit neu
geschaffenen Vorteilen erfüllt werden. Das Entscheidende
aber ist bei jeder Kirchenbeleuchtung darin zu suchen, was sie
als Raumstimmung auslöst. Denn die höchste Anforderung an
den Kirchenraum ist die raumkünstlerische Übereinstimmung
mit dem religiösen Erleben. Nun hat man eben mit der elektrischen
 Beleuchtung vielerorts die ungünstige Erfahrung gemacht,
 daß sie zwar hell belichtet, aber zugleich den Stimmungsgehalt
 eines vordem gerade darum geliebten Kirchenraumes
 vertreibt, Darum wehren sich manche Geistlichen
gegen die elektrische Beleuchtung.
Aber wir reichen mit dem intimsten Lichte, das es gibt, mit
der Kerze oder dem Öle, heute nicht mehr aus, soweit eine
gesamte Raumbeleuchtung zu leisten ist. Wir können die
Gasbeleuchtung bei unserer Betrachtung ausscheiden, weil
sie keinen Vorteil vor dem Elektrischen bietet, und stehen
vor dem Probleme der elektrischen Raumbeleuchtung. Es läßt
sich heute durch keine andere Lösung mehr umgehen, muß
also als solches gelöst werden.
Wenn nun im Folgenden Gesichtspunkte zu dieser Problemstellung
 beigetragen werden, so geschieht es unter Voranstellung
 eines Obersates, der sich erfahrungsmäßig ergab
und der unbedingt berücksichtigt werden sollte, wie immer
man Kirchenbeleuchtung einrichtet: Installation einer
Kirchenbeleuchtung ist in jedem einzelnen
Falle eine Aufgabe, die nur unter Mitwirkung
künstlerisch geschulter Kräfte durch hingebungsvolles
 Ausprobieren an Ort und Stelle gelöst
werden kann.
Für Kirchenbeleuchtung kann es nur künstlerische Richtlinien
und technische Gegebenheiten, aber nie ein Schema geben.
In den folgenden Ausführungen wird der Deckenstrahler

ınd dessen Prinzip derLichtführung als eine durch die moderne
zZeleuchtungstechnik gegebene Grundlage zur Lösung des
<ünstlerischen Problems der Kirchenraumbeleuchtung genomnen.
 Der technische Vorgang ist dieser: Eine Metallstehlampe
enkt den Lichtstrom nach Art der indirekten Beleuchtung zur
Decke und die Decke reflektiert nach unten. Dieser Vorgang
schafft den Lichtraum.
dier macht religiöse und künstlerische Einstellung den Einwand,
 der wiederholt erfahren wurde. Man sagt: in der nach
»ben ins Dunkel abdämmernden Beleuchtung liegt die allem
\lltag so entrückende, räumliche Weihestimmung. Man weist
m besonderen auf unsere gotischen Kirchen hin. Tatsächlich
iegt diese Stimmung vor, aber - nur bei Tageslicht, Das ist
vesentlich zu beachten. Um diesen Eindruck des weihevolen
 Raumes in seinen Gründen zu erfassen, muß man sich
auf den ganzen Vorgang des Raumerlebens einlassen. Und
dazu gehört, daß vom äußeren Tageslichte aus, also von der
;traße aus, der Weg in das Kircheninnere genommen wird,
Dann erlebt man im Dämmer der Kirche den weihevollen
*rieden, die Erhebung durch den Blick, der nicht an die Decke
stößt, sondern sich nach oben verliert. Es ist ganz anders,
wenn man abends oder nachts die Kirche betritt. Dann kommt
man naturgemäß aus dem äußeren Dunkel und sucht im Kirzheninnern
 die Helle, Und das ist der Fall, den die künstliche
3eleuchtung zu berücksichtigen hat. Es wird sich also darum
1andeln, daß man in der Beleuchtungsfrage Tag und Nacht
als ebenso grundverschiedene Faktoren einsetbt, wie sie es
n Wirklichkeit sind. Dann wird man davon abkommen, in
der künstlichen Beleuchtung die natürliche Tagesbeleuchtung
sopieren zu wollen. Der Gedanke, daß man den natürlichen
Nechsel von Tag und Nacht in der Lichtführung im Kirchennnern
 berücksichtigt, führt dahin, daß der Kirchenraum im
dell-Dunkel gerade das gibt, was man außen nicht findet.
Damit ist in der raumkünstlerischen Lichtführung das getan,
was die Kirche selbst will: dem Menschen das geben, was
ar in der Welt nicht findet, d. h. die Ergänzung zu dem, was
ar in der Welt ohnedies hat. Das gibt aber die nachts er-1ellte,
 ja strahlend erhellte Kirche.

Zs wird künstlerisch richtig sein, wenn man die Beleuchtung
des Kircheninnern nach dem Gesichtspunkte der Polaritäf
zur natürlichen Tag-Nachtumgebung gestaltet. Der Kirchensesucher
 wird, wenn er zur Abend- oder Nachtandacht kommt,
»der zur winterlichen Frühmesse, den erleuchteten Kirchen-'aum,
 der lichtvoll nach oben strebt, als lichtvolles Erlebis
 aufnehmen.

Verlag und Versand: Staatliche Beratungsstelle für das . augewerbe beim Württ, Landesgewerbeamt, Stuttgart, Kanzleistr. 28]. Verantwortliche
Schriffleitung: Baurat Schleicher, Vorstand der Württemb. Beratungsstelle für das Baugewerbe. - Herstellung: Druckerei Otto Kösler, Stuttgart
            
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