Wilhelm Schäfer
ÜBER DIE KRITISCHE SITUATION IN DER
WACHSENDEN SOZIETAT
Mit diesem Referat verfolge ich mehrere Absichten, die
aber zu einem Ganzen hinführen sollen:
Ich will erstens die tierische Sozietät definieren und
Mechanismen aufdecken, die in der tierischen Sozietät
im Zustand der Bevölkerungszunahme deutlich werden.
Ich will zweitens zu erkennen suchen, ob gleiche
Gesetzmäßigkeiten auch in der menschlichen Sozietät
im Zustand der Bevölkerungszunahme (und erst recht
der Bevölkerungsexplosion) existieren und welcher
Anteil ihnen im Gesamtgeschehen des menschlichen
Geschichtsablaufs zukommt .
|. DIE "SOLITARE" EXISTENZ
Nicht alle Tierarten, die zu vielen an einem Ort
angetroffen werden, sind sozial zu nennen. Wenn nur
die Gunst des Ortes sie zu vielen Tausenden temporär
zusammengeführt hat und sie also nicht in ständigem
Austausch stehen, so nennen wir sie solitär lebend.
Am Beispiel des Meereskrebses Hyas araneus wird
gezeigt, daß die Individuen dieser Art in solcher Weise
solitär sind, daß sie also auch keine Tötehemmung
gegen Artgenossen zeigen, daß sie ihre Artgenossen
vielmehr, befinden sich einzelne von ihnen im
Zustand der Häutung (die für den Wachstumsprozeß
Voraussetzung ist und viele Male im Leben eintritt),
töten und fressen.
Dies zeigt, daß zur dauernden Existenz dieser solitär
lebenden Tierart für jedes ihrer Individuen so viel
Raum (Lebensraum) zur Verfügung stehen muß, daß
auch jedes Tier diesen kritischen Zustand der Häutung
(dazu sind 2 = 3 Tage notwendig) ungestört vollführen
kann. Wir sagen: Jedes Individuum benötigt einen
"kritischen Raum" als Minimum zu seiner Verfügung,
Sind bei Bevölkerungszunahme diese Räume nicht
mehr für alle Individuen gegeben, so werden solange
Individuen (durch Kannibalismus) ausgemerzt, bis das
der Art gemäße Verhältn is von Raum zu Individuenzahl
wieder hergestellt ist. Die Regulierung der
Bevölkerungsdichte erfolgt also auf Kosten des
einzelnen Individuums, wie dies Abbildung 1 im
Schema deutlich macht.
2. DER MEERESSCHWAMM HALICHONDRIS ALS
BEISPIEL FUR EINE TIERISCHE SOZIETAT
Der Meeresschwamm Halichondria besteht aus einzelner
Kleinteilen, die Uber so viel Selbständigkeit verfügen,
daß sie als Individuen aufgefaßt werden können. Sie
sind Aggregate, die durch Öffnungen Sauerstoff- und
Plankton=reiches Wasser einstrudeln, und durch andere
Öffnungen das nun veratmete und mit Stoffwechselsrodukten
beladene Wasser wieder ausstoflen, Verbdnde
solcher Einheiten legen sich im Stadium der Koloniengrindung
zu vielen zusammen, bilden flache Krusten
auf festen Unterlagen am Meeresgrund und zeigen im
größeren Maßstab an bestimmten Stellen Öffnungen
zum gemeinsamen Ausstoß von verbrauchtem Wasser.
Wächst die Kolonie und nimmt damit der Stoffwechsel
der Kolonie im gesamten zu, so werden diese Wasserausstoßöffnungen
(Egestionsöffnungen) sehr bald nicht
mehr genügen; es werden neue angelegt, und es werden
die vorhandenen durch kragenförmige Überhöhungen
zu kleinen Schornsteinen verlängert. Mit zunehmendem
Wachstum der Kolonie muß die Verlängerung der
"Schornsteine" Schritt halten, d.h. immer länger
werden, um die Stoffwechselprodukte möglichst weit
von der Kolonie fortzubringen. Denn diese werden ja
in den gleichen Wasserraum abgegeberi, der auch zum
Atmen dient und der die Planktonnahrung trägt, Wir
sagen, aus hygienischen Gründen müssen die Schornsteine
verlängert werden.
Diese schrittweise Verlängerung geht während des
Wachstums der Kolonie so lange vonstatten, bis aus
statischen Gründen die "Schornsteine" umkonstruiert
werden müssen, wenn sie nicht umknicken sollen. Es
entstehen gereihte Röhrenbatterien, die auf der
inzwischen hochgewölbten Kolonie radiär nach außenoben
stehen (Abb. 2). Schließlich ist die Gesamtkolonie
als statisches Gebilde so überlastet, daß die
Schwammkolonie zerbricht und alle Individuen sterben.
X
@
ex.
‚oo Pp
‚N
e AJ ol°L
” d o
“ef
;
A
IL 3.01971%