Frei Otto
31OLOGIE UND BAUEN
Die Biologie ist eine Naturwissenschaft,
Sie beobachtet die Natur und analysiert sie,
Entwicklungsprognosen und Planungen sind der Biologie
Fremd.
Die Architektur schafft Neves,
Architektur ist Synthese, ist Planung, ist vermutete
Zukunft.
Die wissenschaftliche Beobachtung der lebenden Natur
gehört nicht zu ihren Aufgaben.
Architekten beobachten bisher nur oberflächlich die
Fortwährende Veränderung der menschenreichen Umwelt,
Architekten studieren wenig, denn sie "machen" diese
Umwelt, so gut oder so schlecht sie es gerade können.
Architekten bauen zur Zeit zumeist nur leere
Gehäuseansammlungen, in die Menschen und mit ihnen
auch Pflanzen und Tiere hineinwachsen müssen.
Unter Architektur wird allgemein noch die vollendete
Beherrschung ganzheitlichen Bauens verstanden.
Architektur ist seit altersher die Synthese unzähliger
und unterschiedlichster Wissensgebiete, vertreten
jeweils durch Persönlichkeiten verschiedenster Prägung.
Doch: Die heutigen Probleme sind so groß, daß
Einzelne sie nicht mehr bewältigen können. Die
friedliche Baukunst auf der einen und die Kriegskunst
auf der anderen Seite waren und sind die Motoren aller
technischen und praktischen Wissenschaften.
So unvollkommen auch die Architektur heute ihre
Aufgabe erfüllt, sie ist jedoch das einzige betont
friedliche Fachgebiet, auf dem das synthetische Denken
am großen Objekt noch unverändert geübt wird. Das
Objekt ist der biologische Lebensraum des Menschen.
Aber: Architekten geraten immer dann an unlösbare
Probleme, wenn plötzlich neue Gebiete Bedeutung
erlangen, wenn deren geistige Führung die neue
Situation nicht erkennt.
Mit den bisherigen Mitteln der Architektur werden die
heutigen veränderten Umweltbedingungen nicht mehr
gemeistert.
Fachleute aus allen Wissensgebieten formen bewußt
der unbewußt die "Erde für den Menschen"
Sie bauen Häuser und Städte,
Sie formen Landschaften und Kontinente.
So gut (oder so schlecht) sie es gerade wissen.
räume nützlich, schädlich oder tödlich sind.
Die allgemeine Ratlosigkeit der heutigen Architekten
wird ergänzt durch die Ratlosigkeit der Biologen. Der
Wille jedoch, aus diesem Zustand herauszukommen,
ist da,
Konventionelle Ansichten werden durch neue Denknodelle
ersetzt. Der Biologe sieht sich plötzlich am
Tagesgeschehen des Bauens beteiligt.
Der Biologe beginnt zu erkennen, daß die bisherige
methodische Analyse des komplexen Forschungsobjektes
zu langsam ist. Ergebnisse, die erst dann vorliegen,
wenn bereits ein neuer Zustand eingetreten ist, sind
nutzlos.
Der ernsthafte Biologe stellt sich nicht nur mitten in
die Zeit, er stellt auch Vermutungen an, wie die
"Erde des Menschen von morgen" geformt sein müßte.
Voraussetzung für die Arbeit der Architekten ist das
Vorhandensein von wissenschaftlichen Erkenntnissen in
einer leicht zugänglichen Form auf allen betroffenen
Fachgebieten.
Wenn neue Kontakte mit anderen Wissensgebieten
geschlossen werden, dann funktioniert die bisherige
Planungsmethode der direkten Übernahme von
gesicherten Teilerkenntnissen noch nicht, weil weder
der Architekt genügend Informationen über den anderen
Arbeitsbereich besitzt, noch der Partner die Sprache des
synthetischen Denkens des Architekten versteht, In
einem solchen Fall ist es ausgeschlossen, mit irgendwelchen
Teilerkenntnissen planerisch zu operieren,
sevor nicht eine Phase des Austausches von Informationen In dem Augenblick jedoch, in dem der Biologe auf=-des
gegenseitigen Lernens und Verstehens eingesetzt grund seiner Erkenntnisse warnt oder sogar Vorschläge
nat. So ist es bei "Biologie und Bauen" , auf technisch-planerischem Gebiet macht, stößt er
in planerische Teilbereiche vor.
Zr beginnt Architekt zu sein.
Jedoch ist er dann leider nicht der Bioarchitekt von
morgen.
Er ist dann zumeist ein Architekt alter Schule, den er
sich immer noch als Erbaver fertiger baulicher Strukturen
vorstellt.
Das Verhältnis Biologie und Bauen drängt aufgrund
realer praktischer Notwendigkeiten zur Klärung. Das
Jmweltproblem war noch nie so lebensbedrohend. Es
ist letztlich ein biologisches Problem.
Der Biologe erforscht die Gesetze des Artenwandels,
der Auslese, des Selektionsdruckes, der Umweltainflüsse
und der chemischen und konstruktiven Formzusammenhänge
. Er studiert den Einfluß des Menschen
innerhalb der biologischen Gesamtheit der Erdoberfläche
die Einflüsse von Rodungen, Kanalisierungen, städte=Saulichen
GroBplanungen und LanderschlieBungen.
Zr verfolgt aufmerksam die große Landzerstörung, die
Wasser-, Luft- und Bodenverseuchung.
Das Planungsmodell vieler heutiger Architekten ist
viel "biologischer" als Biologen es wissen.
Es geht nicht mehr um das einmalige Werk, sondern
um Anpassungs- und Wachstumsprozesse .
Es geht um Methoden ganzheitlicher Gestaltfindung
durch Auslese und Optimierung bei fortwährender
Veränderung.
Der Biologe steht vor völlig neuen Problemen. Er hat
es mit der modernen Technik zu tun, die heute den
5iologischen Lebensraum prägt,
Der Architekt braucht den Biologen, der mit seinen
Methoden die heutige Situation erforscht und
snmittelbare reale Hilfe geben kann.
Es geht um den Menschen und seine bestmögliche
Umwelt.
Die Grundaufgabe jeden Bauens ist primar stefs
Aumanbiologisch und erst sekundär technisch.
Der Mensch eignet sich eine künstliche Welt an. Er
lebt in kunstlichem Klima, inmitten von Wohn=, Fahr-Jnd
Flugmaschinen. Er verlaBt sein kinstliches Klima
nur noch, wenn das natürliche Außenklima seinem
künstlichen zufällig entspricht !
Er ist ein Phänomen der Anpassungsfähigkeit an
Zustände, die oft kurzfristig stimulieren, von denen
aber noch niemand sagen kann, ob sie Uber lange Zeit-3(
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