HELMCKE, Johann-Gerhard
am.0,Prof., TU Berlin (Biologie und
Anthropologie), Rognitzstr. 8,
000 Berlin 19
jeb. 1908 (Hannover); 1929-33 Studium der
jiologie und Anthropologie, Poldontologie;
>romotion u. Habilitation in Berlin; 1939-45
Abteilungsleiter im Zoologischen Museum d.
Jniv.Berlin; 1946-51 Oberass. Akademie Berlir
J» Max=Planck-Gesellschaft Berlin; 1951-69
-eiter der Forschungsgruppe f.Mikromorpholojie
in der MPG, fortgeführt an der TU Berlin;
eit 1976 emeritiert. Arbeitsgebiete: Elektronenmikroskopie,
Biotechnik (Biologie u.Bauen):
zahlreiche Veröffentlichungen, ab 1946 Mit-Herausgeber
von biologischen Handbüchern und
Atlanten.
12
J.G. hCLMCKE
NATURLICH BAUCN:
SANZHEITSBETRACHTUNGEN
UND AATURMRBEGRIFF
Unser Thema "Natürlich Bauen" hat im Titel bereits
zwei Begriffe, die einander gegenübergestellt sind.
Es mag Absicht oder vielleicht auch nur Zufall sein,
daB an erster Stelle der Begriff "Natur" steht und an
zweiter der Begriff "bauen". Daß beide im Gegensatz
zueinander stehen, soll uns nicht davon abhalten,
sie unter einem ganzheitlichen Gesichtspunkt zu be-1andeln.
Denn schließlich sind wir ja hier auf der Erde
darauf angewiesen, daß wir mit unseren Bauten
auch "natürlich" leben. Die Phänomene "Natur" und
"bauen" sind oft als unabhängig voneinander betrach-‘et
worden; daher ist man bisher noch nicht zu einer
vernünftigen Lösung dieser Diskrepanz gekommen.
Wenn Sie von mir eine befriedigende Definition beider
Zegriffe erwarten, dann muß ich Sie enttäuschen.
Aber ich will trotzdem versuchen, Ihnen zu umreißen,
wie ich beide Begriffe miteinander vereinbaren möchte,
Wenn wir den Begriff "Natur" möglichst rein fassen
wollen, müssen wir auf jenen vorzeitlichen Zustand
zurückgreifen, in dem es noch keine Menschen gab,
die verändernd in das natürliche Gleichgewicht eingriffen,
Nach einer ungestörten Entwicklung von vielen
Millionen Jahren war z.B. Mitteleuropa von rie-;igen
Wäldern bedeckt, die von Flüssen durchzogen
und von Seen unterbrochen waren, Und überall
rerrschte ein wohlausgewogenes ökologisches Gleichgewicht.
Ein ökologisches Gleichgewicht ergibt sich jedoch
ur daraus, dal die Natur "ravh, aber herzios" arseitet,
Denn in einem Wald, in dem viele Pflanzen -
‚nd Tierarten leben, können sich nicht alle befruch-';eten
Keimzellen zu neuen erwachsenen Individuen
antfalten. Über Jahrtausende bleibt nämlich die Individuenzahl
innerhalb eines ökologischen Systems
<onstant, vorausgesetzt daß keine Klimuänderung
aintritt. Also: Wenn eine einzelne Birke, die Jahr
‘Ur Jahr Hunderttausende von reifen Samen produziert,
schließlich nach einigen Jahrzehnten aus Altersschwäche
abstirbt, dann wird auch wieder nur eine einzige
3irke die Chance haben, diese dbgestorbene zu ersetzen,
Dieses Gesetz gilt fur alle Pflanzen- und
Tierarten, Daraus kann man ersehen, daß eine ganz
1arte Auslese stattfand. Und dieses biologische
Sleichgewicht können wir als Kriterium einer ökoiogischen
Ganzheit ansehen. Alles, was dort verendete,
verrottete oder nicht zur Entfaltung kam, wurde
zu organisch-chemischen Verbindungen abgebaut,
die im Boden blieben und den überlebenden Individuen
zur Düngung und Nahrung dienten. Den Flüssen
wurde nur noch das reine Wasser zugeführt, die es
zum Meer beförderten.
Das wurde anders, als der Mensch eingriff. Er begann
Wälder zu roden, Bäume zu verbrennen und die hochwertigen
organischen Stoffe in energiearme, anorganische
Moleküle und Atome zu zerlegen, z.B. in
Kohlenstoff, Kohlendioxid usw. (Dieser zerstörende
Prozeß ereignet sich in der unberührten Natur nur
in seltenen Katastrophenfällen.) In einem weiteren
Eingriff in die Natur begradigte der Mensch die
Flusse, Hierdurch senkte er den Grundwasserspiegel
ab und beschleunigte den Abtransport des Wassers
zum Meer. Damit leitete er die allmähliche Verstepbung
des Landes ein.
Einen noch tieferen Eingriff in das natürliche Gleichgewicht
verübte der Mensch dadurch, daß er die für
thn nutzlosen Substanzen als "Abfallstoffe" in die
Flüsse warf, die sie dem Meer zufUhrten. Diese Stof-‘e
wurden zwar im Meer chemisch zersetzt, aber der
Prozeß dauerte zu lange, als daß er noch innerhalb
der durchlichteten oberflächennahen Zone ablaufen
konnte, Die endgültige Zersetzung der organischen
Verbindungen fand erst in der lichtlosen Tiefe statt.
Weil aber dort keine Sonnenenergie zur Photosynthese
und damit zum Aufbau neuer lebender Materie
vorhanden ist, werden dort die lebenswichtigen
Spurenelementen z.B. Stickstoff, Phosphor u.ä. angesammelt,
ohne daß sie in den Kreislauf des Lebens
zurückgeführt werden,
~~