fullscreen : Versammlungs-Berichte / Württembergischer Verein für Baukunde in Stuttgart (1887/88)

Beilage  1.

Wilhelmshaven  und  feine  Maulen.
Vortrag  von  Regierungsbaumeister  X  Weigelin  am  26.  März  1887.

Am  13.  November  1886  wurde,  wie  Sie  wohl  aus  den  Zeitungen ­
  erfahren  haben,  nach  über  zehnjähriger  Bauarbeit  die  zweite
Hafeneinfahrt  zu  Wilhelmshaven  feierlich  eröffnet  und  damit  eine
Reihe  großartiger  Seehafenbauten  beendigt,  deren  Bauherr,  das
Deutsche  Reich,  sich  auch  in  dieser  Richtung  ebenbürtig  an  die  Seite
der  übrigen  Nationen  stellt.
Die  Kenntnis  dieser  Bauten  dürfte  im  Interesse  aller  Techniker ­
  liegen;  ich  will  versuchen,  Ihnen  in  Kürze  einen  Ueberblick
über  diese  bedeutenden  Anlagen  zu  verschaffen.
Wilhelmshaven  ist  nicht  etwa,  wie  häufig  angenommen  wird,
der  Hafen  von  Kiel,  sondern  liegt  ungefähr  160  km  weiter  westlich
und  bildet  ebenso  die  deutsche  Flotteustation  ander  Nordsee,  wie
Kiel  die  Marinestalion  der  Ostsee  ist.
Beide  Meere  werden  bekanntlich  durch  die  Provinz  Schleswig-Holstein
  und  die  Jütische  Halbinsel  getrennt,  sie  entbehren  bis  heute
einer  direkten  Verbindiuig  und  es  war  deshalb  die  Anlage  von
2  Marincstationen  nicht  zn  umgehen.
Für  diejenigen,  welche  im  soeben  Angeführten  die  Erwähnung
von  Danzig  vermissen,  ist  zu  bemerken,  daß  der  Hafen  dieser
alten  See-  und  Handelsstadt  am  anderen  Ende  der  deutschen  Ostseeküste ­
  zwar  von  der  kaiserlichen  Marine  mitbenützt  wird,  und  auch
eine  Marinewerft  —  die  kleinste  der  bestehenden  —  zur  Reparatur
von  Schiffen  erhalten  hat,  daß  aber  daselbst  keine  Mariuestation
oder  ein  Kriegshafen  im  eigentlichen  Sinne  sich  befindet,  und  weder
eine  ständige  Marinegarnison  noch  auch  größere  Kriegsschiffe  dort
ihren  Heimatshafen  besitzen.
Dagegen  ist  ein  großer  Teil  der  in  ganz  Europa  durch  ihre
vorzügliche  Lage,  die  Geräumigkeit  und  Sicherheit  der  Rhede,  wie
auch  die  bedeutende  Fahrwassertiefe  berühmten  Kieler  Bucht  ausschließlich ­
  für  die  deutsche  Kriegsmarine  in  Anspruch  genommen,
und  daselbst  eine  kaiserliche  Werft  erbaut,  die  der  noch  bedeutenderen ­
  in  Wilhelmshauen  nur  wenig  nachsteht.
Die  Kieler  Bucht  liegt  wie  bekannt  im  westlichsten  Teil
der  Ostsee  und  ist  bei  etwa  17  km  Länge  und  3  km  Breite  bis
in  die  nächste  Nähe  der  Ufer  mit  den  größten  Kriegsschiffen  befahrbar. ­
  Die  meiste»  Sturmwinde  sind  für  die  Bucht  nahezu  unschädlich ­
  ,  da  sie  durch  den  Weg  über  Land  an  Kraft  einbüße».
Nahe  dem  südlichen  Ende  der  Bucht  liegt  auf  dem  westlichen
Ufer  die  Stadt  Kiel  niit  Handelshafen  und  Werften;  ihr  gegenüber
am  Ostufer  die  durch  ihre  vorzüglichen  Kieler  Sprotten  bekannten
Fischräncherdörfer  Garden  und  Ellerbeck,  auf  deren  Gebiet  die
kaiserliche  Werft  erbaut  ist.  Dieselbe  ist  mit  allem,  was  an  Hafenbecken, ­
  Hellings,  Trockendocks,  Werkstätten  rc.  zum  Bau  und  zur
Reparatur  von  Schiffen  und  Maschinen  nötig  ist,  reichlich  ausgestattet. ­

Doch  kommen  wir  »ach  dieser  Abschweifnng  an  die  Ostsee  auf
unser  eigentliches  Vortragsgebiet  zurück.
Wilhelmshaven  liegt  ebenfalls  an  einer  tief  ins  Land  einschneidenden ­
  Bucht,  der  Jade—  Außen-  und  Binnenjade  —

nebst  Jadebusen,  die  wie  die  Kieler  Bucht  von  keinem  Strome  oder
Flusse  gespeist  wird;  auch  Wilhelmshaven  ist  durch  das  vorliegende
Lanv  vor  der  Gewalt  der  Stürme  geschützt  und  beherrscht  das
deutsche  Meer,  indem  es  eine  versteckte  Ausfallpforte  zum  plötzlichen
Angriff  auf  einen  sich  nahenden  Feind,  wie  auch  einen  sicheren
Schlupfwinkel  für  die  eigene  Flotte  bildet,  in  welchen  einzudringen
der  Feind  nicht  zum  wenigsten  durch  die  Schwierigkeiten  des  Wattenmeeres,
  sodann  aber  durch  die  das  Fahrwasser  bestreichenden  großartigen ­
  Küstenbefestigungen  und  andere  Abwehrwittel  gehindert  wird.
Die  beiden  Häfen  Kiel  und  Wilhelmshaven  zeigen  in  ihren
besonderen  Eigenschaften  große  Verschiedenheit.  Vor  allem  ist  bei
dem  nur  wenig  wechselnden  Wasserstande  der  Ostsee  Kiel  ein
offener  Hafen,  d.  h.  es  sind  dort  keine  Anlagen  zur  Erhaltung
und  Ausgleichung  des  Wasserstandes,  also  keine  Schleusen  nötig.  In
Wilhelmshaven  dagegen  herrscht  der  täglich  zweimalige  Wechsel  von
Ebbe  und  Flut;  der  Höhenunterschied  derselben  beträgt  durchschnittlich
3,46  m,  bei  Springflut  d.  h.  je  zwei  Tage  nach  Voll-  und  Neumond
  rund  4,0  m,  durch  Sturmfluten,  namentlich  bei  von  W.  nach
NW.  drehendem  Sturme  werden  diese  Wasserstände  oft  gewaltig
verändert,  und  es  sind  Fluten  von  7,5  m  über  gewöhnlichem  NW.
oder  4,6  m  über  gewöhnlicher  Flut  beobachtet  worden,  während
andererseits  bei  anhaltendem  Ostwinde  Niederwasserstünde  von—1,56  w
(unter  gewöhnl.  NW.)  vorgekommen  sind.  Der  eigentliche  Hafen
ist  deshalb  mit  mächtigen  Schleusen  versehen.
Bei  den  günstigen  Tiefenverhältnissen  der  Kieler  Bucht  bedarf
der  Schiffer  kaum  eines  Lotsen  oder  eines  Seezeichens,  während ­
  das  Ansegeln  von  Wilhelmshaven,  wie  schon  gesagt,  große
Schwierigkeiten  bietet,  und  namentlich  ein  Schiff  von  großem  Tiefgänge ­
  die  Einfahrt  nur  unter  der  Führung  tüchtiger  Lotsen  und
unter  Umständen  nur  bei  steigender  Flut  unternehme»  kaun.  (Es
folgte  eingehende  Erklärung  der  Seekarte,  Seezeichen,  des  Fahrwassers, ­
  der  Leuchtfeuer,  s.  d.  Plänchen  des  Jadebusens,  wo  das
Watt  (zwischen  -f-  3,76  m  und  +  0  m)  durch  horizontale  Schraffierung, ­
  das  tiefe  Fahrwasser  durch  —  ...  bezeichnet  ist).
Die  eigentümliche  Lage  macht  Wilhelmshaven  für  die  besonderen ­
  Zwecke  eines  Kriegshafens  außerordentlich  geeignet;  ein
näheres  Eingehen  auf  diesen  Punkt  muß  aus  naheliegenden  Gründen
unterbleiben.
Ein  besonderer  Vorteil  der  Lage  Wilhelmshavens  an  einem  Busen
gegenüber  derjenigen  an  einer  Flußmündung  ist  der,  daß  der  Fahrrinne ­
  von  oben  keine  Sinkstoffe  zugeführt  werde»,  und  deshalb
weniger  Neigung  zur  Barreubildung  in  derselben  vorhanden  ist.
Hiezu  tritt  die  kräftige  Spülung  der  Fahrrinne  als  Folge  der
Gestalt  des  Jadebusens,  welcher  sich  zweimal  täglich  wahrend  der
Flut  mit  etwa  500  Btillionen  odm  Wasser  anfüllt  und  diese  zur
Zeit  der  Ebbe  wieder  entleert,  Die  Ausflußmenge  beträgt  bei
halber  Ebbe  (nach  Dalmann)  33  000  odm  per  Sekunde,  die
mittlere  Geschwindigkeit  der  Ebbeströmung  1,25  m.  Mit  Rücksicht
auf  die  Erhaltung  des  Fahrwassers  ist  deshalb  auch  jede  Verringerung
            
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