Volltext : Stuttgarter Uni-Kurier (11/14, 1983)

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Hitlers Machtantritt und die TH Stuttgart
Ein geschichtlicher Überblick in fünf Folgen: 2. Die Professoren
von Johannes H. Voigt

n Reutlingen). Baum, der als
‚fremdrassig‘“ schließlich ins K.Z
Nelzheim gebracht wurde, ver.
lankte sein Überleben seiner Beufung
 an das Kunsthistorische
Auseum in Bern kurz vor Ausıruch
 des Zweiten Weltkrieges
ıls Pensionierung wurde die Entassung
 von Bibliotheksdirektol
irnst Marx getarnt. Der Ordinaijus
 für Theoretische Physik, Peteı
’aul Ewald, der als „teilweise jülisch“
 eingestuft und wegen Seijer
 Teilnahme am Ersten Weltcrieg
 im Amt geduldet worden
var, gab seine Professur 1937 auf
ınd emigrierte in die USA. Sein
(ollege, der Physiker Erich Rege-‚er,
 dessen Frau Jüdin war, vereß
 die unruhige Szene Stuttgarts,
m die Kriegsjahre als Leiter des
jodensee-Laboratoriums zu
berstehen.
'on der ersten „Säuberung“ 1933
vurden auch vier Assistenten beroffen,
 unter denen auch Paul Bojatz’
 Assistent Friedberg war
licht vergessen werden sollte
jaß der an der TH Chemie lehrenie
 ao. Professor Julius Schmidt,
ier Jude war, 1933 Selbstmord
‚eging. Waren die personeller
ingriffe durch die Nationalsozialiten
 an der TH Stuttgart geringer
Is an anderen Hochschulen? Der
ormalige und spätere Rektor Ri-‚hard
 Grammel konstatierte in
jem 1941 erschienenen Sammeljand
 Die deutschen Technischen
jochschulen mit Bezug auf die TH
stuttgart:
Daß die Hochschule im Jahre
933 die Schwelle zum neuen
?eich ohne große Erschütterunjen
 überschreiten konnte, zeug!
ür ihren rassisch gesunden Aufan“


zip“ an der TH eingeführt. In der
16euen Verfassung hieß es unter
ınderem:
Der Rektor ist der. Führer der
Jniversität . .. Der Kultminister erı1ıennt
 den Rektor im Einvernehnen
 mit dem BReichsstatthalter
ıus der Zahl der ordentlichen Pro-8ssoren
 in der Regel auf die Dauır
 von zwei Jahren . . . Die Aufga
)jegn des Großen und Kleinen Se
1ats gehen auf den Rektor über.“
ınalog wurden die Dekane vom
zektor ernannt. Der Fakultätsrai
yehielt nur noch eine passive
;unktion: Er konnte vom Dekan
ıngehört werden, aber nicht beichließen.

ıjer Übergang zur Diktatur fand
icht nur ohne Widerstand statt, er
‘urde in der Phase, in der die alte
tochschulverfassung noch in
<raft war, sozusagen „freiwillig“
'ollzogen. Das jedenfalls bezeujen
 die Dankesworte des Führers
ijer Stuttgarter Studentenschaft,
ılbert Schmehl, an Rektor und
'rorektor anläßlich der Einfürung
 des „Führerprinzips‘“ im No-'ember
 1933: Schmehl dankte ihıen
 „für das verständnisvolle Entı1egenkommen
 . . . in allen Fragen
ler studentischen und hochschul-»olitischen
 sowie wissenschaftli-;hen
 Neuorientierung. Es war
ıicht immer leicht für das Rektorımt,
 ohne verfassungsmäßigen
tückhalt und unter Vermeidung
Temokratisch-liberaler Verhandungsmethoden
 mit abschließenlem
 ‚Kompromiß‘ Regelungen zu
reffen, die für die Studenten-:chaft
 erträglich und der national-‚ozialistischen
 Weltanschauung
technung tragen.“
m Klartext hieß dies, daß schon
‚or der verfassungsmäßigen Einührung
 des „Führerprinzips“ dikatorisch
 und damit verfassungsvidrig
 verfahren wurde.
)och während die Rektoren Wet-'e}
 (1933-34) und dessen Nachfolund
 Politiker

Es war symptomatisch für das
Verhalten der Mehrzahl der Professoren
 an der TH Stuttgart, daß
sie ohne Protest die Studenten gewähren
 ließen, die Hakenkreuzfahne
 auf dem Hauptgebäude zu
hissen, noch bevor diese gesetzlich
 zur Flagge des Reiches erklärt
worden war. Generell bewegte
sich die Haltung zwischen den Polen
 einer begeisterten Hinneigung
zum Nationalsozialismus und einer
 nur äußerlichen Anpassung an
das neue Regime. Doch es gab
Ausnahmen: Professoren, die sich
nicht in das N.S.-System integrieren
 ließen. Zur Ausschaltung nicht
genehmer, wirklicher oder potentieller
 Gegner erfand das Regime
 eine Tradition wie Weltverbesserung
 vorschützende Gesetzgebung:
 Es erließ am 7. April 1933
das berüchtigte „Gesetz zur Wiederherstellung
 des Berufsbeamtentums“.

Mit Hilfe dieses Gesetzes wurde
als erster Professor der TH Stuttgart
 Immanuel Herrmann, Ordinarius
 für Elektrotechnik, aus seinem
 Amte entfernt. Herrmann, der
früher Mitglied der SPD gewesen
war und bis zur ‚„Machtergreifung“
 Hitlers an führender Stelle in
der Deutschen Friedensbewegung
gestanden hatte und der von manchem
 Kollegen als „roter Professor“
 vom Katheder denunziert
worden war, stand natürlich von
Anfang an in der Schußlinie der
Nationalsozialisten. Er wurde verhaftet,
 aber nach elf Tagen sogenannter
 „Schutzhaft‘“ im Stuttgarter
 Gefängnis wieder entlassen.
Am 20. April 1933 wurde er vorläufig,
 am 23. Juli endgültig seines
Amtes enthoben.
Entlassen an der TH wurden ferner
 die ao. Professoren Julius
Baum (Kunsthistoriker) und H.
Kauffmann (Leiter des For-Sschungsinstituts
 für Textilindustrie

die im Amte Verbleibenden wurjen
 ins N.S.-System eingebunjen;
 die TH wurde in ihrer Strukur
 verändert. Schon im Novem-1er
 1933 wurde das ‚.Führerprin-Theologe,

 Ele
Immanuel Hermann

ktrotechniker
blieb seinen Überzeuaungen stets treu

Immanuel Herrmann, geb. am 29.
Juli 1870 in Rommelshausen bei
Waiblingen, war ein Mann, dessen
Lebensweg durch seine Überzeugungen
 bestimmt wurde. Nach einem
 Studium der Theologie als
„Stiftler“ an der Universität Tübingen
 (1888-92) und erster theologischer
 Dienstprüfung verließ er aus
Glaubenszweifeln die theologische
 Laufbahn, arbeitete vorübergehend
 in der Redaktion einer Ssozialdemokratischen
 Zeitung und
studierte von 1894 bis 1898 Elektrotechnik
 an der TH Stuttgart.
Wilhelm Dietrich, Ordinarius für
Elektrotechnik, Iud ihn am
30.7.1900 ein, die Stelle eines
zweiten Lehrers an der TH in diesem
 Fach zu übernehmen: „Ich
will Ihnen nicht verhehlen, daß
nicht nur mir persönlich, sondern
unserer Hochschule ein Gefallen
geschähe, wenn Sie sich günstig
zu dieser Anfrage stellen wollten.“
Hervorragende Didaktik
Zum 1.1.1901 wurde Herrmann als
ao. Professor an die TH Stuttgart
berufen; schon bald darauf wurde
er zum 0. Professor ernannt. Er
hielt Vorlesungen über verschiedene
 Gebiete der Stark- und
Schwachstromtechnik; dabei spe:
zialisierte er sich auf die Fernmel.
detechnik und baute dazu Laboratoriumsübungen
 auf. Er war ein
hervorragender Lehrer. Als eine
Meisterleistung der Didaktik galt
seine Vorlesung über „Grundzüge
Aar FElaktratechnik“ die ar für Stu.

jenten aller Fachrichtungen hielt.
zr war ein sehr beliebter Hoch-:chuliehrer;
 seine Studenten
annten ihn den „Vater“,
892/93 diente er als Einjährigreiwilliger
 in der württ. Armee,
ıurde aber schon 1896 auf eige-‚en
 Wunsch von der Liste der Ofziers-Aspiranten
 gestrichen. Seit
894 war er Mitglied der Deut-'chen
 Friedensgesellschaft. Am
irsten Weltkrieg nahm er als techischer
 Offizier teil; er wurde 1916
ıt dem Eisernen Kreuz Erster
(lasse ausgezeichnet. In den letz:
en Wochen des Krieges proteitierte
 er gegen den öffentlichen
\ufruf von Adolf Sauer (Rektor
9314-17), der die Bevölkerung
zum Kampf bis zum äußersten
»is zum letzten Atemzuge‘“ aufforterte.
 1918 trat Herrmann in die
3ozialdemokratische Partei ein,
vurde Landtagsabgeordneter und
‚om 15.1. bis zum 28.6.1919
Nürtt Krieasminister — der letzte

n diesem Amt. Da er seine Ziele -
\usschaltung des Militarismus
)emokratisierung des Offiziers-‚orps
 und Beibehaltung württem:
1ergischer Sonderrechte in der
\rmee — durch die Aufhebung der
joldatenräte und die Schaffung
jer Reichswehr unerreichbar
and, trat er zurück, legte auck
»ald sein Landtagsmandat niedeı
-nd schied aus der aktiven Partei-»olitik
 aus. Er gründete 1920 der
vürttembergischen Freidenkerınd
 Monistenbund, dessen Vorsitender
 er wurde. Als Mitglied deı
)eutschen Friedensgesellschaft
tand er auf der Seite der sogen.
‚Aktivisten“, die am Ende die Fühung
 in der Gesellschaft errangen.
m Oktober 1932 wurde Herrmanr
n den Vorstand der Deutschen
"riedensgesellschaft gewählt.
Yon den Nazis entlassen
Nenige Jahre vor seiner Emeritie-‘ung
 aus dem Lehramt verstoßen,
ebte er während der N.S.-Zeit in
Finkenkrug bei Berlin. In dieser
letzten Phase seines Lebens
schrieb und überarbeitete er seine
Darstellungen zur Elektrotechnik,
von denen seine Göschenbände
seinen Namen weit über Fachkreise
 hinaus bekannt gemacht haben.
 Am 22. Mai 1945 verstarb er
in Finkenkrug. In der Hochschule.
von der ihn die Nationalsozialisten
antfernten, hat Immanuel Herrmanns
 Wirken leider bis heute
ıicht die Anerkennung gefunden
dia as verdiente J. Voic

April 1983

Bild aus vergangener Zeit
50 wie auf dieser alten Postkarte aus der Zeit des Ersten Weltkrieges zeigte sich
jas heutige Rektoramt in der Keplerstraße bis zu seiner Zerstörung im Zweiten
Neltkrieg. Für uns ist ein solches Bild eine Rarität, da kaum Fotomaterial die
<riege überdauert hat. Daher noch einmal die Bitte: Wer alte Fotos oder
Ansichtskarten hat, möge sie uns für eine Reproduktion zur Verfügung stellen.

Jer, der Historiker Helmut Göring
1934-35), als deutschnational
äingestellt galten und damit eine
jewisse Distanz zu den neuen
Machthabern besaßen, wurde mit
lem Architekten und Statiker Wilı1elm
 Stortz ein „alter Kämpfer‘
ınd überzeugter Nationalsozialist
3ektor, in dessen Amtszeit am
‘9. November 1938, die als „Anprache
 des scheidenden Rektors
Jbersturmführer S.A. Professor
Ir. Ing. Stortz‘“ veröffentlicht wurje,
 und die er in Gegenwart des
zeichsstatthalters und Gauleiters
welt, bekannte Stortz, daß er in
jeiner Personalpolitik genötigt gevesen
 sei, „oft weit in die ehemals
ınantastbaren Zuständigkeiten
jer Fakultäten einzugreifen,
jelbst wenn sie mit fachlichen
äründen verfochten wurden“;
ıber er habe dabei nur das Allgeneininteresse
 im Auge gehabt,
‚or altem das Ziel, „das akademiiche
 Verfahren an der Techni.
ichen Hochschule mit der natio-1alsozialistischen
 Bewegung und
jen von ihr verfochtenen Grund:
-ügen in Übereinstimmung zu
ringen“. Stortz übergab die goljene
 Amtskette —- sie hatte den
Jbergang ins Dritte Reich über:
lauert - dem Mathematiker Erich
Schönhardt, der Parteigenosse
var und zuvor an der Universitäi
"übingen Dozentenbundsführer
ınd Dozentenschaftsleiter gewe-;jen
 war. Letzter Rektor in der
V.S.-Zeit wurde 1941 Heinrich
1ess, Ordinarius für Elektrotech:
ılk.
is war 1935, mit Beginn der Amts-'eit
 von Stortz, daß der N.S.D.-Do-'‚entenbund
 — seit jenem Jahr als
aliederung der Partei anerkannt -
ınter dem damaligen apl. Assi-;tenten
 Dipl.-Ing. R. Bauder als
‘ührer an der TH Stuttgart aktiv
auf die Hochschulpolitik einzuwir-‚en
 begann. Der Dozentenbundührer
 übte zusammen mit dem
zektor und den vorwiegend dem
)ozentenbund entnommenen Abeilungsvorständen
 einen starken
zinfluß auf Berufungen aus. Nach
zektor Stortz hatte das Auslese-‚erfahren
 das Ziel, „allmählich
ne die ganze Hochschule beıerrschende
 geistige Haltung zu
‚erwirklichen‘“. Dozentenbundfüher
 Bauder nannte 1938 diese AufjJaben,
 denen man sich in den erten
 drei Jahren gewidmet habe:
‚1. Die Bestrebungen zur richti.
Jen Zusammensetzung der Do-‚entenschaft
 als erste und wesent:
ichste Voraussetzung für die Lö-‚ung
 jedes weiteren Problems. 2.
Die Verlebendigung nationalsoziaistischer
 Grundsätze im Wissen-‘chaftsbetrieb
 selbst im Sinne eiıgr
 Korrektur, wo dies fruchtbar
ınd notwendig erscheint.“
\uf dem ersten (und wohl auch
atzten?) Gautag des N.S.D.-Doantenbundes
 am 25. Mai 1939 er-{Arte
 Raudozentanhbundführer

nunmehr) Professor Bauder be:
ler Eröffnungsfeier im Kuppelsaal
les Kunstgebäudes, daß die Ar-)eit
 des N.S.D.-Dozentenbundes
ieshalb so schwierig gewesen sei.
weil es nicht etwa darum ging,
»olitische Gegner zu bekämpfen.
jondern in eine scheinbar unpoliische
 Tätigkeit politische Gedan-(‚en
 hineinzutragen“, Mit dem
V.S.D.-Dozentenbund, dessen
"ührer im Gau Württemberg-Ho-1enzollern
 dem Gauleiter unter-‚tellt
 war, hatte die NSDAP sich
ne direkte Einwirkungsmöglichzeit
 auf die Hochschulpolitik gechaffen.
 Die Ergänzung des Lehr--örpers
 erfolgte nicht mehr nur
ı1ach wissenschaftlichen Qualifikaionen,
 sondern auch nach weltanichaulichen
 Kriterien. Jeder Habi-'tand
 mußte seit Mai 1934 mindetens
 zwei Monate Dienst in einem
Vehrsport- oder Arbeitsdienstlajer
 nachweisen können; alle Pri-‚atdozenten
 bis zum 32. Lebensahr
 wurden aufgefordert, dies
'achzuholen. Mit der neuen Habitationsordnung
 vom Dezember
334 wurde die Qualifikation für
lie Hochschul-Lehre und -Forschung
 nach nationalsozialistichen
 Gesichtspunkten geregelt
Jurch Gesetz und Praxis wurde
lie Professorenschaft der TH auf
lie Zielsetzungen des N.S.-Staaas
 ausgerichtet.
Ind wie sah das Ergebnis am
inde des Krieges aus? Man fand
ı Richard Grammel, der schor
929-30 Rektor gewesen war
ine kompetente Persönlichkeit,
lie als politisch unbelastet galt
ınd von Oberbürgermeister Klett
jersönlich von der französischen
3Zesatzungszone ins amerikanisch
)esetzte Stuttgart ‚„geschmugjelt“
 wurde, der man die kommisjarische
 Leitung der TH übertrug.
n seinem für die amerikanische
Ailitärregierung bestimmten Beicht
 schrieb Grammel am 1. Au-Just
 1946, also ein halbes Jahr
ı1ıach der Wiedereröffnung der
’H. unter anderem:

Gleichzeitig mit der Beseitigung
hrer materiellen Trümmer begann
tie Technische Hochschule schon
n Juni 1945 auch ihr geistiges
luinenfeld zu säubern und von
ich aus ihren Lehrkörper von den
;chlacken des Nationalsozialisnus
 zu befreien. Sie veranlaßte
lie sofortige Amtsenthebung aller
er Professoren und Dozenten,
lie als politisch erheblich belastet
ınzusehen waren, und sie traf da-‘ei
 im wesentlichen den gleichen
(reis von Personen, die dann späar
 auf Befehl der Militärregierung
auf Grund der eingereichten Frajebogen
 vom : Kultministerium
antlassen worden sind, nämlich 21
‚on den 50 ordentlichen und
ußerordentlichen Professoren.
‚.ußerdem sind inzwischen 121
A7zenten. Lehrbeauftraate. Assi-
            
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