Einführung
Eine zweite Weißenhofsiedlung in Stuttgart? Erstaunlicherweise wurde diese
orisante Frage bisher nie öffentlich diskutiert. Angeregt durch die Bemerkungen
von Stefanie Plarre in ihrem Buch „Die Kochenhofsiediung - ein
Gegenmodell zur Weißenhofsiedlung“ entstand am Institut für Architekturgeschichte
die Idee, in einer Lehrveranstaltung das nach 1930 geplante, dann
aber nicht umgesetzte Werkbund-Projekt mit Architekturstudenten genauer
zu untersuchen und der spannenden Frage nachzugehen.
Die 2. Werkbundsiedlung für Stuttgart — was war das, wo stand sie — oder,
gab es sie denn überhaupt? Das waren die Fragen, die am Institut für Architekturgeschichte
zum Versuch der Rekonstruktion dieser 1932/33 konkret
geplanten Werkbundsiediung „Deutsches Holz“ führten.
Dieses Werkbundprojekt von 1932/33 ist ein Phantom. Die hier vorgestellte,
knappe Dokumentation ist eine Rekonstruktion von nie Gebautem. Sie zeigt
aber nicht einfach Modelle von innovativen Entwürfen, die Papier geblieben
sind, sondern thematisiert noch etwas mehr: Einen Wendepunkt, die Schnittstelle
zwischen pluralistisch-liberaler Republik und rechthaberischer Diktatur,
sogar in Geschmacksfragen. Die Entscheidung auch zwischen iIndustriebegeisterung
und Sehnsucht nach Handwerkstradition, zwischen internationalem
Wettbewerb und Rationalismus einerseits und nationalistischer
Isolation und Heimatschutz andererseits.
Vorbereitende Recherchen waren im Sommer 2003 in Stuttgarter, Karlsruher
und Frankfurter Archiven notwendig, um das Seminar „Eine zweite Weißenhofsiediung
in Stuttgart?“ im Wintersemester 2003/04 zu verwirklichen
Mit dem Titel ‚VERHINDERUNG DES VERFEMTEN“ präsentierte das Institut
im Juni 2004 an der Universität Stuttgart die Seminarergebnisse im Rahmen
einer Ausstellung. Zusätzlich luden Modelle der gebauten, aber weitgehend
unbekannten (und inzwischen stark veränderten) Kochenhofsiedlung und der
Weißenhofsiedliung zum Vergleich ein
Die studentischen Arbeiten fanden nicht nur akademisches Interesse,
sondern auch die Aufmerksamkeit des Stuttgarter Gemeinderats, des Stadtarchivs
und der Stuttgarter Architektenschaft.