Hundertschaften, Wandlung der Stammesgrenzen
die sogenannten Mittelfreien, aus denen später der niedere Adel hervor⸗
ging). Die Masse des Volks setzte sich aus freien Leuten zusammen,
die, einmal im Lande ansäfsig geworden, bäuerliche Beschäftigung
trieben; sie hatten an den öffentlichen Versammlungen der Hundert⸗
schaften wie der Dörfer teilzunehmen. Die Familien des Hochadels blie—
ben durch die Forderung der Ebenbürtigkeit davor bewahrt, sich mit
den Mittelfreien zu vermischen, und diese waren ebenso von den freien
Bauern geschieden. Unter den drei freien Ständen des Volks standen
noch die wenig zahlreichen Halbfreien und die Knechte.
Während des vierten Jahrhunderts herrschte bittere Feindschaft zwi⸗
schen dem Alamannenstamme und den Römern, die ihn von Südosten,
Süden und Westen umgaben. Die römische Bevölkerung der Umlän—⸗
der trat während dieses Jahrhunderts großenteils zum Christentum
über; damals entstanden die Bischofssfitze zu Straßburg, Augst
(bei Basel), Windisch und Augsburg. Auf den Kriegszügen kamen die
Alamannen vielfach mit Christen in äußerliche Berührung und brach⸗
ten römische Gefangene ins Land, von denen jedenfalls manche den
christlichen Glauben bekannten. Es ist aber nicht anzunehmen, daß
ganze Sippen oder gar Hundertschaften zu diesem übergegangen sind.
Sehr stark waren die Wandlungen des Stammesgebiets
im 5. Jahrhundert. Der nördliche Teil des Alamannenvolks, der
östlich von Mainz und Worms saß, wanderte 406 mit den Vandalen
und Alanen aus und siedelte sich 409 als das Volk der Sueben
im nordwestlichen Spanien, in Galläzien, an. Um dieselbe Zeit besetz⸗—
ten andere Teile die an ihre bisherigen Wohnsitze anstoßenden Lande
links des Rheins westlich bis zum Wasgauwald und südlich bis zum
Fuße der Alpen. Im Laufe des 5. Jahrhunderts wurde die Landschaft
östlich der Iller bis über den Lech hinüber alamannisch. In diesen so
lange römisch gebliebenen Gebieten trafen die Sieger auf eine bereits
christliche Bevölkerung, die wohl nicht vollständig vernichtet wurde,
und gerieten natürlich unter deren Einfluß; jedenfalls blieben die da⸗
selbst errichteten Bistümer bestehen, obschon das Christentum sich nur
kümmerlich durchgefristet haben mag').
Auch die Burgunder, die den Alamannen übrigens stets feind⸗
lich gesinnt waren, hatten zu Beginn des 5. Jahrhunderts ihre bis—
herigen Sitze verlassen und waren westwärts gezogen; 414 wurde
ihnen römisches Gebiet links des Rheins mit der Hauptstadt Worms
eingeräumt; aber auch rechts vom Strom saßen noch Teile des Volks.
Die linksrheinischen Burgunder nahmen wenige Jahre nachher, und
zwar das Volk als Ganzes, das Christentum an; einige Jahrzehnte
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1) Viktor Ernst, Die Entstehung des niederen Adels, 1916. S. 2.
2) Albert Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands. J. 8. und 4. Auflage, 1914, S. g6 ff.