Volltext : Das neue Weltbild nach dem Niedergang der mechanischen Naturauffassung am Ende des zweiten nachchristlichen Jahrtausends

Energie in potentielle oder daß sich eine sichtbare Energieform in
eine unsichtbare verwandelt hat. So geht die aktuelle Energie der
gehobenen Kugel in potentielle über; so geht die offenbare Be—
wegungsenergie der Flintenkugel am Ziele in unsichtbare Wärme—
bewegung über; so verschwindet die mechanische Energie gebremster
Räder und setzt sich in Reibungswärme um.
Unserem schwäbischen Landsmanne, dem Heilbronner Arzte
Robert Mayer, gebührt das unsterbliche Verdienst, die Aquivalenz
oder Gleichwertigkeit der verschiedenen Energieformen entdeckt und
das Gesetz von der Aquivalenz von Wärme und mechanischer Ener—
gie oder, wie man auch kurz sagt, von Wärme und Arbeit aufgestellt
und damit eine neue Epoche der Naturwissenschaft begründet zu
haben. Seine Anschauungen wurden von dem Engländer Joule erx—
perimentell bestätigt und festgestellt und von Helmholtz mathema—
tisch begründet. So schön als wahr sagt Slaby (Berlin) von Robert
Mayer: Er hat seine Gedanken nicht in die Sprache mathematischer
Formeln gekleidet, nur die höchste wissenschaftliche Kraft vermag es,
die Grundwahrheit einer Erkenntnis mit schlichten Worten zu sagen.
Die epochemachende Entdeckung Robert Mayers von der äqui—
oalenten Verwandelbarkeit der verschiedenen Energieformen wurde
von den zeitgenössischen Physikern nicht sogleich in ihrer Bedeutung
erfaßt; sie sahen die verheißungsvollen Zusammenhänge nicht schim—
mern, die deutlich vor dem Verstande jenes Mannes lagen. In der
einsamen Höhe der Erkenntnis stand Robert Mayer fürs erste un—
verstanden allein, der Prophet galt nichts in seinem Vaterlande und er—
lebte kränkende Zurückweisung, wie denn eine der namhaftesten physi—
kalischen Zeitschriften, der er seine Arbeit zur Veröffentlichung ein—
sandte, die Aufnahme versagte und eine Autorität der damaligen physi—
kalischen Wissenschaft in dem belehrenden Tone überlegenen Wissens
die Gedanken Robert Mayers einer „vernichtenden“ Kritik unterzog.
Aus der Erkenntnis des Gesetzes von der Verwandlung der
Energieformen gewinnen wir abschließend die Auffassung, daß alles
und jegliches Sein nur aus Energieformen besteht, denen in letzter
Instanz eine Materie als Träger und Unterlage zugrunde liegt. Daß
dieser Träger der Energie aber letztlich der Stoff nicht sein kann, er—
gibt sich, wenn wir, wie es im folgenden geschehen wird, tiefer in
das innerste Wesen des Stoffes eindringen: der Stoff zerrinnt uns
unter den Händen und löst sich in ein wechselvolles Spiel räumlich
zusammengeordneter und verfestigter Energieformen auf. Und
wenn wir vermeinen, jenseits der Grenzen des Stoffes in der Welt
des Äthers sicheren Ankergrund gefunden zu haben, so weicht auch
hier wieder der Boden unter unseren Füßen und löst sich abermals
in ein Spiel ganz eigenartig geordneter Energieformen auf, die uns
abermals die Täuschung von Materie erwecken, bis wir endlich noch
            
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