ist, dann wird das deutsche Volk auch weiterhin
noch wachsen und könnten auch die Städte durch
Eigenvermehrung noch zunehmen.
Voraussetzung für die Städte ist freilich
noch, daß ihre zweite wichtige Wachstumsquelle,
nämlich die Zuwanderung vom Land, nicht
allzu sehr geschwächt wird, oder sich gar in ihr
Gegenteil, in Abwanderung verkehrt. Wenn man die
heutigen Verhältnisse unserer größeren Städte unter
diesem Gesichtspunkt prüft, so ist ihre Lage
zurzeit bedenklich. Denn nach dem ‚Statistischen
Jahrbuch deutscher Städte‘, das über alle wichtigeren
städtischen Vorgänge in zuverlässiger und
ausgezeichneter Weise fortlaufend orientiert, hatten
die 92 größten deutschen Städte im Jahre 1930 einen
Wanderungsverlust von 64000 Köpfen, so
daß ihr Geburtenüberschuß von 73000 Köpfen
ihnen nur einen Reingewinn von 9000 Köpfen beließ,
Ganze 9000 Köpfe Zuwachs bei einer Gesamtbevölkerung
dieser Städte von 23 Millionen!
Außerdem wies noch eine Anzahl dieser Städte eine
absolute Bevölkerungsabnahme auf.
Jedoch möchten das vielleicht temporäre Erscheinungen
sein, hervorgerufen durch die derzeitige
katastrophale Wirtschaftslage und Arbeitslosigkeit.
Wichtig auf die Dauer dagegen erscheint mir zweierlei,
einmal der Umstand, daß dasplatteLand
überhaupt nicht mehr so viel Menschen
wie früher hergeben kann, weil
auch dort die Bevölkerung stagniert. Der Geburtenüberschuß
auf dem Land wanderte zwar, soweit er
sich auf der heimischen Scholle nicht zu halten vermochte,
in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg
in die Städte noch ab, und zwar nicht bloß aus den
Großgutsbezirken, wie etwas tendenziös schon behauptet
worden ist, sondern ebenso aus den bäuerlichen
Gegenden, aber die Ausmaße dieser Abwanderung
sind überall kleiner geworden. Und zweitens
darf nicht vergessen werden, daß, wenn die
bäuerliche Siedlungspolitik des Reiches
in Zukunft bessere Erfolge als bisher haben
sollte, dadurch eine nicht bloß quantitativ, sondern
auch qualitativ wichtige Zuwachsquelle der Städte
dauernd geschwächt würde.
Bekanntlich soll versucht werden, durch Ansiedlung
sogenannter Ackerbürger in den
Städten selbst landwirtschaftliche Elemente zu gewinnen
und damit auch die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen.
Indessen, von heute auf morgen wird aus
einem städtischen Industriearbeiter kein brauchbarer
und erfolgreicher Bauer, dazu bedarf es
jahrelanger spezieller Erziehung und Schulung (vgl.
die Tätigkeit der Bauernhochschulen in Dänemark),
und außerdem sind derartigen Randsiedlungen
durch den verfügbaren Bodenvorrat auch verhältnismäßig
enge Grenzen gezogen.
Zu dem allen kommt noch die Stadtflucht
der Industrie, Darunter verstehe ich die Hinausverlegung
stadtsässiger Industrie aufs Land, in
die nähere und fernere Nachbarschaft der Städte,
und die Neuerrichtung von Fabriken dort, verursacht
durch die wachsende Enge der Städte, die
Ueberteuerung des städtischen Bodens und die
steuerliche Ueberlastung der städtischen Industrie,
und besünstist durch die technischen Fortschritte
‚m Verkehrswesen (Automobil, Telephon usw.).
Jieser Dezentralisationsprozeß der Industrie, der
schon vor dem Krieg begonnen hat und sich fortsetzen
wird, sobald die Wirtschaft wieder in Gang
ist, führt zu industriellen Neusiedlungen
außerhalb der Städte, die auf die Weiterentwicklung
der Städte selbst in wichtigen Beziehungen
von Einfluß sind. Sie schwächen das Wachstum
der benachbarten Städte, indem sie ihnen Be-‚ölkerung
entziehen und Zuwanderung vorenthalıen.
Auf weite Sicht gesehen, entleeren sie manche
Städte von Industrie und verändern dadurch die
wirtschaftlich-soziale Struktur des städtischen
Volkskörpers von Grund aus. Das Bürgertum tritt
im städtischen Berufsleben und das Bürgerhaus im
Stadtbild wieder in den Vordergrund. An anderen
Stellen werden große Verbandsgemeinschalten
zwischen den Neusiedlungen und den Städten entstehen,
die die überlieferte personelle und dingliche
Geschlossenheit der Städte sprengen. Die Entwicklung
wird keineswegs überall gleich verlaufen,
aber sicher ist, daß bedeutsame Aenderungen des
städtischen Lebens auch von dieser Seite her zu erwarten
sind.
Was folgt nun aus all dem Gesagten zunächst
für die Zukunft der deutschen Städte über-1aupt?
Für die einzelne Stadt ist eine Voraussage
aus solchen allgemeinen Gesichtspunkten
ınmöglich. Denn die deutschen Städte waren
von jeher Kollektivindividualitäten, die mehr oder
weniger ihre eigenen Wege gegangen sind. Deshalb
ist es schon möglich, daß z. B. Berlin oder auch die
Städte im _rheinisch-westfälischen Industriegebiet
auch in Zukunft etwas andere Wege einschlagen
werden als die übrigen Städte. Für die Gesamtheit
der größeren deutschen Städte aber erscheint
nir folgendes wahrscheinlich: Einmal, daß sie den
Gipfel ihrer Bevölkerungsgröße erreicht und bereits
überschritten haben. Ihre Einwohnerzahl wird abnehmen,
oder zum mindesten ungleich
angsamer wachsen als früher. Und zweitens
'äßt sich voraussagen, und daran kann m, E. gar
kein Zweifel sein, daß die deutschen Städte in weit
höherem Maße als vor dem Kriege auf die Eigenvermehrung,
auf die eigene Fruchtbarkeit angewiesen
sein werden. Welche Folgen aber eine
solche Inzucht der städtischen Bevölkerung für
deren körperliche und geistige Beschaffenheit haben
wird, auf diese schwerwiegende physiologische
Frage kann hier nur hingewiesen werden. Dazu
sxommt dann noch, was schon angedeutet wurde,
jür manche Städte die Notwendigkeit, ihr Wirtschaftsleben
in größeren Körperschaftsverbänden
auf neue Grundlagen zu stellen. Der Städtebau,
lem aus solchen veränderten Siedlungsformen neue
Aufgaben erwachsen, spricht in diesem Zusammenhang
von Landesplanungen.
Was endlich den Städtebau selbst und im
ibrigen anlangt, so werden die Ausmaße seiner
Aufgaben und das Tempo ihrer Erfüllung von den
künftigen Ausmaßen der städtischen Bevölkerungsentwicklung
sicher berührt, und es ist bei der Unlurchsichtigkeit
der Zukunft gewiß manchmal nicht
leicht, da das richtige Maß zu treffen und auch Maß
zu halten. Davon abgesehen aber bin ich der zuversichtlichen
Erwartung, daß seine grundsätzlichen