Gewiß ist Kenntnis der Werkform und handwerklicher
Arbeit dem Architekten vonnöten. Aber
sein Stand muß Schritt halten mit der Zeit; er muß
befähigt sein, an den höchsten Leistungen des
Geistes kennftnisreich teilzunehmen. frei von zünftiger
Beschränkung, als der Kapelhneister, der da
Orchester der Iandarheiter zu dirigieren versteh
und zwar nach eigener Komposition.
„Daß er das große Werk vollende,
Genügt ein Geist für tausend TTände'“
UBER ALT-DANZIG
Von HERMANN PIILEPS, Danzig
Dunkle Giebel, hohe Fenster,
Türme tief aus Nebeln sehn,
Rleiche Statuen wie Gespenster
Lautlos an den Türen stehn.
Träumerisch der Mond drauf scbheinet.
Dem die Stadt gar wohl gefällt,
Als läig' zauberhaft versteinet
Drunten eine Märchenwelt.
- Diese Verse Josephs von Eichendorff
sind wohl jedem Deutschen aus der Scele gespro-Chen,
der sich ein empfängliches Gemüt bewahrt
hat. Nur deutsche oder ihnen völkisch verwandte
Baumeister konnten eine solche Stadt hauen. Deut:
sche Art und deutsches Wesen beherrschen Danzig
seit dem 12. Jahrhundert, seitdem sich hier in der
Nachbarschaft des pommerellisch-preußischen, nicht
ponischen Dorfes Gsddanicz unternehmende
deutsche Kaufleute niererließen und ein deutsches
Gemeinwesen bildeten, welches bald nach 1235 vom
Pommerellenherzog Swantapolk rein deutsches
Stadtrecht erhielt. Erst im Jahre 1308 gelangte
diese Nicderlassung in die Hände des deutschen
Ordens. Von diesem Zeitpunkte ab sollten sich dreı
neheneinanderliegende, zunächst selbständige
Gemeinwesen entwickeln, auf dem Gelände der
pommerillischen Sicdelung das Hackelwerk, west.
lich davon die Altstadt, in der die altc ansässige
deutsche Bevölkerung untergebracht wurde, und
südlich von beiden die Rechtstadt, die der Gefolgschaft
des Ordens und den von ihm herbeigerufenen
Sicdlern vorbehalten blieb und die allein volles
Stadtrecht (kulmisches) erhielt. Eine 1380 angelegte
Jungstadt wurde 1455 wieder zerstört.
An den beiden rein deutschen Stadtteilen Altstadt
und Rechtstadt fällt die wohlüberlegte Anlage
auf. Besonders die Planung der Rechtstadt, bei der
Sich die Straßenzüge in günstigster Weise der
AMottlau als der Hauptverkehrsader anschließen,
verdient Aufmerksamkeit; dieses Wasser war zum
Teil von Sümpfen umrahmt, denen das Baugelände
erst allmählich ahgerungen werden mußte. So
wurde die Bebauung zunächst im Süden von der
Langgasse aus, welche schon 1331 in den Urkunden
erscheint, in Angriff genommen und nach Norden zu
bis zur Tobiasgasse, die 13537 erwähnt wird, fortgeführt.
Da der Raum,welcher die seit 1343 crrichtete
Stadtmauer umschloß, dem Ausbreitungsbedürfnis
bald nicht mehr genügte, griff die Bebauang
über die grüne Torbrücke hinweg nach do
Speicherinsel, von da nach der Niederstadt und auch
nach der Vorstadt über
Der Rahmen dieser Zeilen erlaubt es nicht, hei der
Beschreibung der Stadtentwicklung länger zu verweilen;
nur das eine sei noch angedeutet, daß 1.454 die
Rechtstadt sich das Hackeiwerk sowie die Altstadt,
deren Ausbau etwas langsamer als in der Rechtstadt
vor sich gegangen war, einverleihte und daß
man am Anfang des 17. Jahrhunderts im Süden und
Osten der Stadt die Bastionen anlegite; zu diesem
Zweck wurden die Gräben, die Recht-, Alt- und
Vorstadt voneinander trennten, zugeschüttet und ir
Straßen verwandelt.
Die Bauwerke, die berufen waren, den Bewohnern
dieser Stadt Behausung und Erbauung sowie
Schutzwechr zu gewähren, haben sich, verschont von
den Wirren des Dreißigjährigen Krieges, aus den
verschiedenen Stilsprachen zum großen Tei® noch
fast unberührt bis auf unsere Tage erhalten. Es ist
aber nicht allein der Romantiker, der bei ihrer Be:
trachtung sich einem erhöhten Stimmungseindruck
hingehen darf, auch der Städte- und Häuserbauer
erlebt auf Schritt und Tritt wertvolle Anregunger
und besondere Schönheiten. Schon von außen ge:
schen überrascht ein eigenartiges Stadtbild
In der Mitte St. Marien, bei der eine Schar
nadelartiger Türmchen sich bemüht, der Gedrungen
heit ihres Herrn, des Hauptturmes, zu noch gewal
tigerem Eindruck zu verhelfen. Unweit davon der
schlanke Ratsturm mit seinen kühn in die Höhe gezogenen
Renaissanceformen, dann die Türme der
Kirchen zu St. Johann, St. Peter, St. Katharinen
mit ihren Satteldächern, die zum Teil im Laufe der
Zeit zu Barockhauben umgewandelt wurden. Mit
das Auffallendste in dem melodienreichen Zusammenklingen
der Wohnhäuser, Kirchen, Rathäuser
und Türme ist des Fehlen der anderswo
zewohnten großen Dachflächen, denn