STADTBAU:
ALTER UND NEUE
R
‚UNST
ZEIT
Halbmödönafsfchrifft « Herausgegeben von
Cornelius Gurliff und Bruno Möhring
Heft 7 / 1921
VO
‚iriffleitung: Walter Lehwess * Bezugspreis: 15 M. vierteljährlich
Ay inzelpreis: 3,00 Mark das Heft
‚Der Zirkel“. Architekturverlag G. m. b. H. Berlin W. Wilhelmstraße 48
Alleinige Anzeigenannahme „Deutsches Wort“. Anzeigenvertrieb G.m.b.H..Bln.-Wilmersdorf. Brabanterpl.1. Fernsor. Uhl1.356
PRAGER STADTBAUKUNST ALTER UND NEUER ZEIT
Von EMIL LANG. Prag
Der Prager Stadtgrundriß ist ein zusammengesetzter
(Abb, 1). Das städtebaulich-historisch
gebildete Auge unterscheidet sofort, wie bei jedem
ähnlichen Stadtplan, Teile, die verschiedene Eigenart
zeigen, Teile, die sich von einander unterscheiden
durch die Form und Gestalt der Baublöcke,
durch die Form und Gestalt der zwischen ihnen
befindlichen und durch ihre Wände gebildeten
Straßen und Plätze. Je nach dem Verhältnis, das
der körperlich-plastische Baublock und der immaterielle
Straßen- und Platzraum zueinander
dilden, läßt sich die Entstehungszeit des heireffenden
Stadtteiles feststellen. .
In der raumlosen Zeit ist der körperlichplastisch
empfundene Baublock das Maßgebende.
Seine Bildung ist das Wesentliche. Jedes Haus
und jeder Baublock führt noch ein Sonderdasein.
Der einzelne hat keine Beziehungen zu den anderen,
Er existiert von den anderen getrennt; dadurch das
Wesen des Plastischen kennzeichnend. Die Baukunst
ist noch konvex.
In der Zeit der leblosen Zweckräume ist die
Straße oder der Platz nicht mehr der übriggebliebene
Zwickelrest zwischen den Häusern und Baublöcken,
er wird bei der Gründung der Stadt schon als
solcher anerkannt und ausgesteckt, Der Zweck ist
der raumgestaltende Faktor. Der Straßen- und Platzraum
werden aber als solche noch nicht erfaßt.
Es ist der Übergang von der Konvexität zur
Konkavität. Ein Schwanken des architektonischen
Geistes, ob er den Körper oder den Raum als das
in erster Linie zu gestaltende betrachten soll.
Es siegt der Raum. Die Architektur wird
räumlich, die Raumbildung das Primäre. Die Baukunst
wird konkav. Die Häuser, die Baublöcke
stehen nicht mehr eigensinnig abgesondert, sie
schwanken auch nicht mehr, ob sie das Wesentiche
sind oder der Raum. Nunmehr ist die Gestalt,
lie der innerlich geschaute Raum erhalten soll,
las primäre. Die Häuserwände der Baublöcke er-1alten
ihre Form diktiert durch die Form des zu
zestaltenden immateriellen Raumes. Die Häuser
refen zueinander in Beziehung, sie verbinden sich,
ım einen einheitlichen Gesamteindruck und zwar
len eines Raumes hervorzurufen. Die Architektur
wird malerisch, konkav-malerisch, wenn der Begriff
nalerisch Verbindung bedeutet.
Ein lehrreiches Schulbeispiel eines derartig zuzammengesetzten
Grundrisses bietet Kassel. Ähnich
wie bei Prag Altstadt und Kleinseite zu beiden
Seiten des Moldauknies, breitet sich die Kasseler
Altstadt zu beiden Seiten ‚des Fuldaknies aus.
Diese zeigt unregelmäßig durcheinander gewürfelte,
>hne jegliche Beziehung zueinander stehende,
<onvex-plastische Baublöcke. Von einer Form des
Straßen- cder Platzraumes kann nicht gesprochen
werden. Er spielt keine. Rolle. In dem Grundriß
ler Neustadt zeigen die Baublöcke schon eine ge->rdnete
und disziplinierte Erscheinung, die bekannte
Gestalt des ostdeutschen Kolonialgrundrisses. Die
Jausblöcke in etwas verzogen rechteckiger Form,
lesgleichen der Platz, an dessen vier Seiten Straßen
jassieren und der eigentlich nur dadurch entstanden
st, daß in dem schematischen Grundriß die Fläche
ür einen Hausblock nicht bebaut wurde.
Wesentlich Neues zeigt die obere Neustadt von
<assel. Kreisrund schwingen sich hier die Hauswände,
um einen Mittelpuukt gebildet, um eine
aäinfachste, konkave Raumform in Erscheinung zu
ringen, Dieser kreisrunde Platz ist das Endglied
ıiner langen Entwicklung. Einem intensiven Erleben
lies Raumes verdankt er seine Entstehung und seine