1.
uli 1922
STADTBAU UNST
ALTER UND NEUER ZEIT
Halbmonafsicrifft * Herausgegeben von
Cornelius Gurliff und Bruno Möhring
Heft 7 / 1922
*
Schriftleitung: Walter Lehwess * Bezugspreis: 30 M. vierteljährlich
Einzelpreis: 6,00 Mark das Hetit
Der Zirkel“, Architekturverlag G. m. b. H. Berlin W. Wilhelmstraße 48
ZEN a EN
RUDOLF EBERSTADT
SEIN LEBEN UND WIRKEN
Von WALTER LEHWESS
Wie im vorigen Heft schon kurz mitgeteilt, ist
der ordeniliche Professor an der Berliner Universität
Dr. Rudolf Eberstadt plötzlich durch einen Herzschlag
mitten aus wissenschaftlicher Arbeit und
Lehrtätigkeit heraus abberufen worden. Ein arbeitsund
erfolgsreiches Leben, ein geschlossenes, einheitliches,
zielsicheres Streben ist dadurch vorzeitig
abgebrochen, der deutsche Städtebau .hat einen
schweren Verlust erlitten.
Rudolf Eberstadt hat nicht den gewöhnlichen
Weg gemacht, der den jungen Mann über Abiturientenaxamen
und Universitätsstudium sicher und bequem
in die akademische Laufbahn führt. Er hat sich
vielmehr auf mühsamen Wegen durch‘ lange kaufmännische
Lehr- und Wanderjahre erst zum wissenschaftlichen
Berufe durchringen müssen. 1856 in
Worms geboren, finden wir den Sechszehnjährigen
1872 auf der Handelsschule in Frankfurt a. Main.
3is zum Jahre 1894, also bis zu seinem 38. Lebensjahr
ist er dann als praktischer Kaufmann tätig gewesen
und zwar zuerst im Bankfach. Sein Beruf
führte ihn nach England, Belgien und Frankreich,
wo die Gelegenheit zur Erwerbung hervorragender
Sprachkenntnisse gründlich von ihm ausgenutzt wurde.
Daneben wird er schon damals ein offenes Auge
ir die Verschiedenheit der Wohnungsverhältnisse
n den besuchten Ländern gehabt und vielleicht schon
damals den Gedanken gefaßt haben, sich eingehender
mit diesen zu beschäftigen. Er war dann im elter-‚ichen
Hause in Mannheim tätig, reiste auch geschäftich
viel. wodurch sich Gesichtskreis und Kenntwisse
erweiterten und ließ sich endlich als selb-‚tändiger
Kaufmann in Berlin nieder. Neben seiner
Zerufstätigkeit fing er schon damals an, sich jour-1alistisch
zu betätigen.
Endlich kam die Zeit, wo er einen vermutlich
chon lange regen Wunsch befriedigen und sich
‚anz der Wissenschaft widmen konnte. 1894 — 97
;tudierte er Nationalökonomie in Berlin und Zürich
‚ereits 1895 promovierte er in Berlin. .
Nun begann eine Zeit regster literaricher Tätigeit.
Bereits zu Beginn seines Studiums hatte er
n den preußischen Jahrbüchern einen Aufsatz verffentlicht
„Berliner Communalreform‘“, der schon
je Grundgedanken seiner späteren Arbeiten enthält.
Ait dem Wohnungswesen, auf das er sich später
'anz konzentrierte, beschäftigt sich eine kleine Schrift:
Städtische Bodenfragen‘“ (Heymanns Verlag
894). 1899 folgt sein „Französiches Gewerbeecht‘
(Duncker & Humblot), wohl eine Folge
‚eines Aufenthaltes in Frankreich und 1900 „Der
Jrsprung des Zunitwesens:‘‘ (Duncker & Humlot),
der ihn zuerst weiteren Kreisen bekannt machte.
Mit einer auf eingehenden Örtlichen Studien beuhenden,
breit angelegten. Veröffentlichung über
‚Rheinische Wohnverhältnisse‘“ (Fischer,
ena, 1903) betrat er dann das Gebiet, dem er fortan
wusschließlich seine Kraft und Lebensarbeit gewidmet
at. Hier zeigte er, wie sich in dem dicht besieielten,
rheinischen Industriegebiet, trotz ungemein
ichnellen Wachstums der Städte weit günstigere
Nohnbedingungen für die Bevölkerung erhalten