Volltext : Stadtbaukunst alter und neuer Zeit : Halbmonatsschrift (Jhg. 3-4, 1922-23)

Dezember 1922

STADTBAUKUNST
ALTER UND NEUER ZEIT

Monafsschriff * Herausgegeben von
Cornelius Gurlitf und Bruno Möhring
. Schriftleitung: Walter Lehwess * Bezugspreis: 30 M. vierteljährlich

Heft 14 / 1922

Einzelpreis: 12,00 Mark das Heft

‚Der Zirkel“, Architekturverlag G. m. b. H., Berlin W, Wilhelmstraße 48

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ZONENBEBAUUNG ODER GEMISCHTE BEBAUUNG?

Ein Beitrag zur Lösung der Wohnungsfrage in Großstädten*)
Von BRUNO MÖHRING

Die beiden Grundlagen einer erträglichen Zusammenaallung
 der Menschenmassen, die Struktur der Einzelzeile
 und die gesunde Disposition des Ganzen, waren
das, was ungelöst geblieben war, deshalb mußten alle
Zinzelleistungen versagen.
FRITZ SCHUMACHER.
Vortrag auf dem Hamburger Weltwirtschaftskongreß,

In allen Großstädten der Welt ist die menschenwürdige
 Unterbringung der Massen eine der drinzendsten
 und schwierigsten Aufgaben. Wir Deutschen
zlaubten auf dem Wege zu sein, das Wohnungswesen
 der großen Städte gründlich zu verbessern.
Nach sorgfältigen Studien wurden neue Vorschriften
erlassen, die scharf in die vorhandenen Zustände
eingriffen, aber der Weltkrieg und seine Folgen
haben uns gelehrt, daß der eingeschlagene Weg
doch nicht zum Ziele führte. Man hatte gehofit,
das Heil gefunden zu haben, wenn man die Verhältnisse
 der kleinen Städte auf die Großstadt übertrug,
 ja, das Ideal war schließlich das Dorf und
Flachbau die Losung. Die Großstädte sollten, so
dachte man sich’s nach dem Kriege, riesige Gartenstädte
 werden, in denen jedermann im Eigenhause
leben könne. Man rechnete aus, wieviel Verdienst
der Mensch aus seinem Kleingarten ziehen könnte,
man stellte aber nicht Zeit und Geld in Rechnung,
die er zur Überwindung der Entfernung brauchte,
um zur Arbeit und wieder nach Hause zu kommen.
Der Weg zu und von der Arbeit verschlingt viel
kostbare Zeit, er wird als Arbeitszeit gerechnet mit
dem Aufschlag des Unternehmers, eine ungerechtfertigte
 Verteuerung. Dazu kommt, daß der Arbeiter,
der einen längeren Weg zurückzulegen hat, schon
abgehetzt und ermüdet die Arbeitsstätte erreicht,
*\ Anm.: Dieser Vortrag wurde für die in München geplante. Tagung der Freien Deutschen Akademie des Städtebaues vorzereitet.
 Infolge der Verteuerung des Verkehrs und des Aufenthaltes muß diese Tagung, wie andere wissenschaftliche
Zusammenkünfte auch, aufgegeben werden, Da der Vortrag für die Bearbeitung der Berliner Bauordnung wichtige
neue Gesichtspunkte enthält. wurde er im Kreise der Berliner Mitglieder in der Sitzung am 2. November ds. Js. zur
Zrärterung gestellt

olglich übermäßige Unkosten für die Arbeitszeit
jei geringer Leistung. Nur wenn Haus und Garten
n der Nähe der Arbeitsstätten liegen, ist eine
Jiedelung wirtschaftlich, In der Großstadt aber ist
lie Ausbreitung der Bevölkerung auf weite, dünn
jewohnte Strecken, auf einzelne verstreute Sielelungen
 eine Vergeudung von Kraft, Zeit und Geld,
lie wir uns heute nicht mehr leisten dürfen.
Als man die Zonenbauordnung einführte, nahm
nan an, daß die Verkehrsmittel der Ausdehnung
olgen würden und der Zehnpfennig-Straßenbahntarif
»is in die Unendlichkeit ausgedehnt werden könnte.
Die Verteuerung des Verkehrs ist nicht nur für den
\rbeiter, sondern auch für den Kleinbürger und
Mittelstand unerträglich geworden. Der werktätige
iroßstadtmensch kann kaum noch seine Erwerbsteile
 erreichen, wenn er in weiterer Entfernung
vohnt, viele Vorortbewohner sind von der Haupttadt
 abgeschnitten. Der Weg zu den Lehrstätten,
en Hochschulen, der Universität, zu den Erholungsnd
 Vergnügungsgelegenheiten ist durch die hohen
’ahrpreise verlegt, die Bildungsschätze der Museen
ıur noch für Ausländer erreichbar, der gesellige
/erkehr zwischen den Bewohnern selbst benachyarter
 Vororte ganz ins Stocken geraten. Die in
mmer kürzeren Pausen eintretenden Fahrpreiser-1öhungen
 verteuern jeden einzelnen Einkauf und
            
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