Volltext : Stadtbaukunst alter und neuer Zeit : Halbmonatsschrift (Jhg. 3-4, 1922-23)

STADTBAUXUNST
. ALTER UND NEUER ZEIT

Heft 1/ 1923

Monafsschrift # Herausgegeben von
Cornelius Gurlitf und Bruno Möhring
* Schriftleitung: Walter Lehwess «. Bezugspreis: 400 M. vierteljährlich

Einzelpreis: 150 Mark das Heft
„Der Zirkel“, Architekturverlag G. m b. H., Berlin W, Wilhelmstraße 48

ZUM NEUEN JAHRGANG!

Mit diesem Heft tritt die „Stadtbaukunst alter und neuer Zeit“ in ihren vierten Jahrgang,
Es ist wohl nicht anmaßend, zu behaupten, daß eine Zeitschrift, die unter den jetzigen schwierigen
Verhältnissen sich drei Jahre lang behaupten konnte, ihre Daseinsberechtigung erwiesen hat, daß sie
also in dem bunten Kranze deutscher Fachzeitschriften ihren Platz ausfüllt.
Welches ist dieser Platz? Was ist die Besonderheit unsrer Zeitschrift, die ihr Daseinsberechtigung
gibt? Diese Fragen sind vielleicht für den Außenstehenden leichter zu beantworten, als für die Schriftleitung,
 die mitten darin steht und oft nicht den nötigen Abstand hat, um den Eindruck beurteilen zu
können, den ihre Zeitschrift auf den Leser macht. Wir können nur die Absichten darlegen, die wir verfolgen
 und die wir mit den verfügbaren Mitteln nicht immer erreichen konnten; aber ob und wie weit
wir den Platz ausfüllen, auf den wir uns gestellt haben, das müssen andere beurteilen.
Was wir anstreben, ist dies: Unter den Fachgenossen das Verständnis für die baukünstlerischen
 Fragen größeren Stiles, die ihren Gipfel vorläufig in der Stadtbaukunst
haben, zu wecken und zu fördern; denn gerade heute geht in der mühseligen und oft keinlichen
Tagesarbeit der Sinn für größere Ziele und höhere Gesichtspunkte zu leicht verloren. In diesem
Sinne lassen wir es uns angelegen sein, nicht das einzelne Bauwerk oder Einzelfragen der Konstruktion
zu betrachten, sondern die Beziehungen des Einzelwerks zu einem größeren Ganzen. also des Hauses
zur Straße, zum Platz oder zur ganzen Stadt zu zeigen.
In der Linie dieser Einstellung liegt es, daß uns in der letzten Zeit gerade jene Bestrebungen
unsrer Architekten besonders anzogen, die, von manchen als größenwahnsinnige Phantastereien verspottet,
doch gerade der Gestaltung des Stadtbildes neue Anregung geben können: die Planung von Hochund
 Turmhäusern und ihre Einfügung in die bestehenden Städte. Es ist dies von manchen
Seiten so aufgefaßt worden, als wenn wir für die Siedelungsbestrebungen, die unserm Volke bessere
und gesündere Wohnbedingungen schaffen und es wieder mit dem Heimatboden verwurzeln wollen, kein
Verständnis hätten. Das ist durchaus nicht richtig. Wir halten den Siedelungsgedanken für eins der
wichtigsten Mittel zum Wiederaufbau und: zur Gesundung unsres Volkes. Jedoch werden Siedelungsund
 Kleinwohnungsfragen in einer, Reihe ausgezeichneter Zeitschriften vom technischen und vom künst-Jerischen
 Standpunkt schon gründlich und eingehend behandelt, so daß unsres Erachtens eine Notwendigkeit‘
 nicht vorliegt, sie unsrerseits auch noch im Einzelnen zu verfolgen. ®
Und dann sind doch eben die vielfältigen Fragen, die Städtebau und Volkswirtschaft heute bewegen,
 mit „Siedelung“ allein nicht zu lösen. Wir versuchen, die Probleme, die mit den Worten
Wohnungsnot, Großstadt, städtische Schönheit, Industrieverteilung angedeutet seien. allseitig zu erfassen
und zu überschauen.
So hoffen wir, auch im neuen Jahre auf die Mitarbeit und Unterstützung der Fachgenossen
rechnen zu können und neue Freunde zu den alten zu gewinnen.

WALTER LEHWESS.
            
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