Volltext : Stadtbaukunst alter und neuer Zeit : Halbmonatsschrift (Jhg. 3-4, 1922-23)

Juni 1923

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ALTER UND NEUER ZEITA
Monatsschriff +* Herausgegeben von Auer +
Cornelius Gurlitf und Bruno Möhring €) rn
Schriftleitung: Walter Lehweß * Bezugspreis: 400 M. vier Kährlich

Heft 3 / 1923

*

Einzelpreis: 150 Mark das Heft

‚Der Zirkel“, Architekturverlag G. m. b. H.,, Berlin W, Wilhelmstraße 48

ZUM WETTBEWERB .„BORSENHOF“ IN KONIGSBERG i Pr.

Beim Studium der Arbeiten für den Börsenhof in
Königsberg i. Pr. erschien mir eine Frage von besonderer
 Bedeutung, nämlich, ob in diesem Falle die
Errichtung eines Hochhauses aus ‚wirtschaftlichen
Gründen. sich empfiehlt. Freilich war: es nicht
möglich, . diese Frage an den vorliegenden Entwürfen
 einwandfrei zu beantworten. Kostenfragen
sind ja bei den jetzigen Geldverhältnissen selbst
an gewöhnlichen Bauten höchst unklar, geschweige
an einer bisher noch nirgends in Deutschland erprobten
 Aufgabe. ;
Der Grundzug des Preisausschreibens machte
wohl jedem Bearbeiter klar, daß es sich hierbei
um . einen Ideenbewettbewerb handle. Nicht die
Durchführung des Entwurfs ins Einzelne, nicht die
Ausgestaltung der Inneneinrichtung der Geschäftsräume.
 oder der Höfe konnte für den Ausschrei-Ddenden
 von durchschlaggebender Bedeutung. sein,
sondern die. Lösung der Frage, welche Art von
Bebauung des Geländes sich empfehle.
Im Ausschreiben waren Auszüge aus den Baugesetzen
 der Stadt gegeben, so namentlich jener
über die Nachbarrechte und über das Verhältnis von
Gesimshöhe zur Straßenbreite. Ob diese Gesetze
jür einen ‘besonderen Fall, wie dem. vorliegenden,
zweckmäßig seien, ob hier nicht Ausnahmen gemacht
 werden müssen, das läßt sich durch den
Wettbewerb nicht entscheiden. ‚Aber schwerlich
wäre. es richtig, hier kleinlich sich an das Gesetz
zu halten, wenn .schon die Bestimmungen des Ausschreibers
 zweifellos bei der Bewertung eines
Planes besonders zu beachten waren. Die Ankäufe
sind ja gerade dazu geschaffen, damit Arbeiten
hervorgehoben werden können, die gute Vorschläge
auch über das Programm hinaus bieten,
Ob gerade die Stadt Königsberg der rechte Ort ist,
vondem Grundsatz des Lichteinfalles von 45° abzu-‚ehen,

 bleibe dahingestellt, da sie arm an hellen Sonnenagen,
 dafür aber reich an Bewölkung des Himmels
st und als nördlich gelegen mit tiefem Sonnenstand
ıu rechnen hat. Mit Newyork, dem Vorbild für
lochhäuser, läßt sie sich- nicht gut vergleichen.
{önigsberg liegt auf dem 55 ° geographischer Breite,
Jewyork etwa gleich Neapel und Konstantinopel
ıuf den 41°. In Newyork steht die Sonne am
Mittag des 21. Juni 72!/2° hoch, wirft daher eine
Vand von 40 m Höhe einen 13 m weiten Schatten,
n Königsberg steht die Sonne am 21. Juni in der
{öhe von 58°, ist der Schatten 25 m lang. Anders
ım Mittag des 21. Dezembers: da steht in Newyork
lie Sonne in 251/2 °%, in Königsberg in 11'/2°, ist
jer Schatten hier 84 m, dort 197 m lang. Drei
Stunden früher oder später steht die Sonne in
Jewyork in 1314 °, in Königsberg in 2%4°, ist der
Schatten hier 171 m, dort 859 m lang. Das heißt
ılso durch den nordischen Tiefstand der Sonne
vird der Lichteinfall von 45 ° tatsächlich nur in den
Aonaten Mai bis August in wenig Mittagstunden
‚rreicht, würde vielleicht der von 35°, ja 30° als
iegel berechtigter erscheinen. Man wird es mithin
‚er Stadtverwaltung nicht verargen können, wenn
‚je am Lichteinfall von 45° festhält, ja wenn sie
ogar einen flacheren vorschreiben wollte. Dem
‚ls Preisrichter mitwirkenden Vertreter der städtischen
3aupolizei muß nachgerühmt werden, daß er nicht
leinlich ;an den ‘Einzelheiten der dortigen Bauırdnung:
 festhielt, sondern der Ansicht war, daß
nem so bedeutenden Werke, wie der Börsenhof
3s ist, Nachlässe gewährt werden müssen.
Will man die Frage rein theoretisch betrachten,
;o könnte man sie so beantworten: Baut am Nordande
 der Stadt, dort wo die Hochhäuser den Bevohnern
 am Morgen und Abend die Sonne nicht
/ersperren. solche in angemessenen Abständen mit
            
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