Heft 5 Berlin, den 1. Juni 1926 Heffpreis: GM 1.—
‚ALTER UND NEUER ZEIT
HERAUSGEGEBEN VON CORNELIUS GURLIITT UND BRUNO MOHRING
UND
FRIEDHOF UNDDE. ‚MAL
HERAUSGEGEBEN VON ROBERT B. WITTE- DRESDEN
SCHRIFILEIIUNG: WALTER LEHWESS
DER ZIRKEL - ARCHITEKTURVERLAG_ G. M. B, H., BERLIN W 66, WILHELMSTRASSE 48
POSTSCHECKKONTO BERLIN 18121 — FERNSPRECH-VERBINDUNG: AMT ZENTRUM, NR. 10679
ZUR AUSBILDUNG
Was ist Pennalismus? Der Druck der älteren
Studenten, der Schoristen auf den jüngeren, die
Pennale, wie er auf den Universitäten des 17. Jahrhunderts
bestand. Noch heute bitten wir- einen
Lästigen, er möge uns ungeschoren, das heißt, ungefoppt
und unausgebeutet lassen. Als Pennalismus
erscheint mir die Absicht vieler Berufe, wie
sie seit dem 19. Jahrhundert bei uns heimisch ist,
daß sie von den Eintretenden eine gewisse Vorbildung
fordern, wie sie den Aelteren wünschenswert
erscheint, namentlich um ihren Stand als zu
den „akademischen“ gehörig bezeichnen zu können.
Sie fordern von den neu Aufzunehmenden das Ablegen
der Prüfungen, die zur Universität oder Techaischen
Hochschule und von dieser in den öffentlichen
Dienst gefordert werden. Ein so Geprüfter ist
der Architekt Hermann Muthesius, Absolvent
der Technischen Hochschule Berlin, Dr. ing. der
Technischen Hochschule Dresden — und zwar der
erste, der den architektonischen Doktor in Deutschland
machte. Ich selbst habe ihn „examiniert“,
wenn man den Vorgang Examen nennen darf, der
sich auf einer einstündigen Erzählung seiner Bautätigkeit
als Schüler Endes in Japan beschränkte.
Später wurde er technischer Attache an der Deutschen
Botschaft in London und Geh. Regierungsrat
im Preußischen Landesgewerbeamt; er ist also ein
Mann von reicher Erfahrung und dabei ein angesehener
Baukünstler.
In einer für die Architekten — und für andere
nicht minder — sehr lehrreichen Denkschrift „Zur
Frage der Erziehung -des künstlerischen
Nachwuchses“ (Berlin Hackebeil
1926) sagt er, es stehe den Technikern, insbesondere
den Architekten schlecht an, wenn sie sich
hinter der alten, humanistischen Bildung verschanzen
und diese als alleinige Vorbedingung ihrer Berufserziehung
angesehen haben wollen. Gerade sie
sollten sich bewußt sein, daß vom Mittelpunkte
ihrer Berufsauffassung aus Möglichkeiten der Bil-DER
ARCHITEKTEN
jungserweiterung nach allen Richtungen gehen und
laß gerade ihr Beruf umlagert wird von Anregungen
ınd Werten der mannigfaltigsten Art. Daraus erzibt
sich der menschliche Bildungswert des Archiekten.
Ich halte dies für. goldene Worte, die um So
wertvoller werden, wenn man den Mann betrachtet,
‚on dem sie ausgehen, und wenn man sich in
zeine Schrift vertieft hat. Der Ruf nach „allgemeiner
3ildung‘“ beherrscht noch manche Architekturkreise,
lie der Meinung sind, das Gymnasium und namentich
das humanistische sei die Stätte, in der man
liese am besten erlange. Das heißt also, der sei
ıllein ein reifer Architekt, dessen Vater ihn in junzen
Jahren ins Gymnasium schickte, das er mit
rühestens 18 Jahren verließ, der dann zur HochcChule
ging, zwei Jahre mit wissenschaftlichen Studien
jeschäftigt, zwei Jahre künstlerisch ausgebildet
vurde — nur zwei Jahre! — endlich in den Staatslienst
ging, als Regierungsbauführer vier Jahre mit
ıntergeordneten Bauaufgaben geplagt wurde, um nach
inem vierten Examen als reifer Baubeamter zu
virken, also mit frühestens 26 Jahren mit Seiner
\usbildung fertig wird. Wie viele dieser jungen
Aänner haben mich während meiner akademischen
„ehrtätigkeit nicht besucht, um ınir über diese Aus-»ildung
ihr Leid zu klagen, die ihr Künstlertum
rschlug und sie zum Verwaltungsmann ummodelte!
Denn auch jetzt werden sie nicht auf die bestehenlen
Bauaufgaben losgelassen, die natürlich der
)berbaurat und der Geh. Oberbaurat „überwacht‘‘,
wenn er so weit gekommen ist, daß der Minister
hm einen größeren Auftrag zuwies, um ihn vor
weiterer „Verkalkung“ zu behüten.
Ich saß einmal als Rektor der Dresdener
Yochschule bei dem Vortrag eines Schulmannes
iiber Mädchengymnasien neben dem geistreichen
ınd tatkräftigen Dresdener Oberbürgermeister Beutier.
Der Redner sprach viel von „abgeschlossener