Volltext : Die Farbige Stadt (Jhg. 4, 1929-30)

Vollanstrich des Hauses finden wir überall und
sei jeder Bauweise, auch bei den mit Schindeln oder
Brettern verschalten Häusern und ganz hölzernen
Scheunen — gleichfalls mit den Unterschieden:
jJandesüblich einheitlich oder verschiedenartig. Neben
Weiß, Hellgelb, Rot finden sich in Pommern auch
ölaue und grüne Häuser, in der Schwalm hellblau,
in der Rhön grün, blau, ja sogar rosa angestrichene
Schindelhäuser, Natürlich hat man auch bei Vollanstrich
 Türen, Fenster usw. andersfarbig gehalten,
Fenster und Fensterrahmen gern weiß, dazu so oder
so andersfarbige Türen, Fensterläden, andersfarbige
Behandlung eines verbretterten Giebels — bis zur
verschiedenen Behandlung ganzer Haus- und Hofteile
 (einmal Gegensatz zwischen völlig angestrichenem
 Untergeschoß und buntem Fachwerk im Obergeschoß,
 zum anderen Gegensatz zwischen buntvemaltem
 Wohnhaus und Wirtschaftsgebäuden mit
Kratzputz).
Eine besondere Art von Häusern sei ganz kurz erwähnt:
 die schieferbekleideten Bauernhäuser in
Hessen, Westfalen und im Harz. Zumeist sind nur
die Wetterseiten schieferbekleidet und ihr Gegensatz
 zum schwarzen Fachwerk auf weißem Grund
der andern Wände ist recht ernst; so hat man Türen
und Fenster grün und weiß gestrichen, ja man hat
selbst einzelne Schieferplatten in irgendeinem Muster
an einzelnen Stellen bunt bemalt: grün, rot, gelb,
weiß und schwarz, oder die Wetterwand teils mit
Schiefer, teils mit Dachziegeln bekleidet. Ich reihe
hier auch die ganz mit Dachziegeln bekleideten
Wetterseiten an, die man z. B. im Hannoverschen
häufig sieht — auch an ihnen sind Versuche erhöhter
Farbigkeit zu beobachten, wenn schon es nur in bescheidenem
 Maße durch schachbrettartige Abwechslung
 roter und weißgetünchter Dachziegel geschehen
ist — auch ein weißes Kreuz auf rotem Grund habe
ich einmal so hergestellt gesehen,
Einen Hausteil hat man überall in bezug auf
Farbigkeit besonders bevorzugt: die Tür. Einmal
durch bunte Bemalung in der Art, daß man bei gebretterten
 Türen die einzelnen Bretter verschieden
anstrich, so daß ihre geometrische Zusammensetzung
kraftvoll betont wurde, oder so, daß man bei
Rahmentüren zu der Farbabwechslung zwischen
Rahmen und Füllungen noch bunte Ornamente dieser
oder jener Art fügte. Allerlei Zwischenstufen finden
sich zwischen vornehm einfacher Farbhaltung etwa
der Sylter Türen in nur zweierlei Grün oder der

ıessischen in weiß und grün oder blau und buntustiger
 Farbigkeit (in Hessen: zu blauem Fachwerk
ınd Türrahmen mit roten Begleitlinien auf weißem
Aaueranstrich rote Türen mit unten grün-weißen,
»ben blauen Füllungen; oder in Schrecksbach in der
;chwalm: in Rautenmuster aus Brettern gefügte Tür
;rün-weiß-blau-grün gestrichen mit roten und gelben
"ugen, braun-rot gerahmt!). Bei Grotdören lippecher
 und westfälischer Häuser hielt man die Einassung
 der Tür besonders prunkvoll — z. B. in
‚auenhagen zu kraftvoll roten Türflügeln hellblaue
\inrahmung mit bunter Malerei, weiße Säulen mit
3lumenansatz auf den breiten Ständern und allerlei
unter Ornamentik und Schrift dazu (das Fachwerk
les Hauses ist schwarz auf roter Mauerung, oben
;iroße rotweiß gestreifte Giebelverbretterung)! So-{ann
 kann man beides farbig betonen und schmücken;
Tür und Einfassung. Wie auf Sylt: pflasterartige
reite Einfassung der grün-weißen Tür (zu rotem
Jaus mit schwarzem Sockel) oder wie an Haus Lüch
un Loit (Angeln): blaugraue hölzerne Halbsäulen,
ine braun-grün geometrisch gemusterte Tür mit
irün-weißer Oberlichtverzierung, blauen Balken mit
lauen Knaggen darüber, den Giebel stützend (zu
raunem Fachwerk auf hellgelbem Hausanstrich).
Die hübsch ausgestatteten Türen des Alten Landes
ind vorhin schon erwähnt — ich nenne zugleich die
hm eigentümlichen, leider nur noch seltenen, bunt
‚emalten großen Hoftore. Sie finden sich sonst in
Jiedersachsen nicht, wohl aber in Gegenden mit sog.
ränkischer Bauweise, wie in Hessen-Nassau, wo sie
.ber weniger bunt bemalt, einfarbig (z. B. hellblauirau)
 gestrichen sind oder farbig betonte einfach gechnitzte
 kerbschnittartige oder aufgemalte Sinnilder
 (Herzen, geschwungene Svastikakreuze)
‚eigen.
Es ist eine Fülle verschiedenartiger, überall von
arbfrohkräftigem oder .farbfeinem Geschmack zeujender
 Farbgedanken, die noch lange nicht so besannt
 sind, wie sie's verdienen. In vielen Veröffentichungen
 haben wir die verschiedenen Formen
ınserer Bauernhäuser jetzt kennen und schätzen geernt
 — die Abbildungen sind aber immer nur
chwarz! Es wäre sehr zu wünschen, daß uns ihre
?arbgebung ebenso bekannt gemacht würde. Auch
ür die Bemalung unserer Städte wäre allerlei daraus
zu lernen, in bezug auf gute Farbstimmung und in
jezug auf die Erkenntnis der natürlichen Landeszigenart
 des Farbensinnes als Schutz gegen Willkür!
Farbige Behandlung des Kalksandsteins
Von Regierungsbaumeister Cords, Parchim
Mit dem Wiedereindringen der Farbe in unser
Bauleben geht auch ein erneutes Ringen um die
Technik des Anstrichs Hand in Hand. Drei Grundbedingungen
 müssen für eine dauerhafte farbige Bebandlung
 der Architektur gegeben sein: ein günstiger
Untergrund, das entsprechende Bindemittel und eine
iute Farbe.
Als Untergrund war bisher am häufigsten der Putz
sowohl für Innen- wie Außenräume, Jedoch ist es
gerade oft der Putz gewesen, der der farbigen Gestaltung
 Abbruch getan hat. Es ist bekannt, welche
Gefahren für die Erhaltung des Anstriches in unreinem
 Putz liegen, welche Folgen ungleichmäßige

Mörtelmischung, ungeeignete Sande, mangelhaftes
‚öschen des Kalkes und ähnliche Erscheinungen für
3estand und Aussehen der Farbe haben. Ferner ist
ler Putz stets empfindlich, und jede abgestoßene
icke bleibt dauernd als Fehlstelle — besonders bei
arbiger Behandlung — ein Aergernis. Zudem sind
lie großen Putzflächen einheitlich und gleichmäßig
ıchwer zu streichen. Bei solchen Untergrundsbedinjungen
 können naturgemäß selbst ein gutes Bindenittel
 und reine Farbe wenig retten,
Das künstlerisch unverbildete Mittelalter mit
‚einem unmittelbaren Empfinden hat der Leblosigzeit
 der farbigen Putzfläche dadurch abzuhelfen ver-4


            
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